Die zweite Säule ist teuer – weil zu komplex

4382 Millionen Franken kostet die Verwaltung unserer Pensionskassengelder. Was für eine Summe! Doch gemessen am gesamten Vermögen von 865 Milliarden Franken, das gepflegt und durch geschicktes Investieren vermehrt werden sollte, betragen die Kosten gerade mal 0,51 Prozent. Das ist nun wirklich nicht viel: Quantité négligeable, wie unsere welschen Mitbürger sagen würden, eine vernachlässigbare Menge.

Dieser Grundsatz ist gut und recht. Doch in manchen Fällen bleibt es beim Grundsatz. So auch bei jener Kollegin, über die ich vor kurzem an dieser Stelle berichtet habe. Sie liess sich das Kapital auszahlen, weil die Renten nicht ausreichten, um ihren bescheidenen Lebensunterhalt zu finanzieren. Bis 80 sollte das Geld reichen, sagte sie mir, sie werde eh nicht 80.

 

Statistisch liesse sich ihre Aussage widerlegen. Vielleicht wollte sie einfach nur sagen: «Ich will gar nicht älter werden als 80.» Und sollte sie doch älter werden, nähme sie dann Ergänzungsleistungen, sagte sie mir. Für etwas seien sie ja da.

 

Ganz meine Meinung. Freilich sehen das ganz viele einflussreiche Personen anders. «Es geht gar nicht, sich das Kapital der zweiten Säule auszahlen zu lassen, dieses zu verprassen und dann Ergänzungsleistungen zu beantragen.» So und ähnlich tönte es im Bundesparlament, als das EL-Gesetz beraten wurde. Von vielen schwarzen Schafen war die Rede.

 

Der Bundesrat wollte deshalb den Bezug des Pensionskassenkapitals einschränken. Nur jenes Geld, das im Rahmen des Überobligatoriums angespart wird, sollte man sich als Kapital auszahlen lassen dürfen. Das Geld des gesetzlichen Obligatoriums müsse hingegen als Rente bezogen werden.

 

Der Bundesrat erhoffte sich damit eine Entlastung der Ergänzungsleistungen. Er wollte verhindern, dass man sich das ganze Pensionskassenguthaben auszahlen lässt, das Geld verprasst, nur um dann Ergänzungsleistungen zu beantragen. Am Schluss kam der Bundesrat mit seinem Anliegen dann doch nicht durch. Auf Anfang 2021 tritt das heftig debattierte EL-Gesetz in Kraft.

 

In der Parlamentsdebatte war also vorab von jenen Rentnerinnen und Rentnern die Rede, die das bezogene Pensionskapital «verspielen», «verprassen» oder «verjubeln». Kaum aber von jenen, die sich das Kapital auszahlen lassen, weil die Rente zu wenig hergibt.

 

Interessant ist noch Folgendes: Jede dritte Person, die EL zur AHV erhält, liess sich bei der Pensionierung das Kapital der zweiten Säule auszahlen. Zu unterstellen, all diese würden das Geld der zweiten Säule verprassen, verjubeln und verspielen, finde ich respektlos. Viele haben das Kapital einer Rente vorgezogen, weil die Summe der beiden Renten – der AHV und eben der Pensionskasse – zum Leben nicht ausreichen. Jedenfalls nicht zu einem Leben, das noch einigermassen lebenswert erscheint. Sie entscheiden sich deshalb für das Kapital. Ich würde es nicht anders machen.

Claude Chatelain