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Auch Vermögensverwalter kochen nur mit Wasser

Ein Leser fragte mich kürzlich, ob ich die «Finanz soundso» kenne. Ich will den Namen der von ihm genannten Vermögensverwaltungsfirma nicht nennen. Sie tut hier nichts zur Sache. 

Zur Sache tut aber die Aussage des Lesers, dass er «total verunsichert» sei. Der Steuerberater habe sie ihm empfohlen. Und deshalb fragt er mich: «Haben Sie mir einen Rat?»

 

Ich hatte ihm sehr wohl einen Rat: «Hände weg.» Nicht weil ich die «Finanz soundso» als unseriös oder unqualifiziert betrachte. Auch nicht, weil sie nicht gerade im Ruf steht, besonders günstig zu sein. Meine spontan ablehnende Haltung gründet auf der Aussage des Lesers, «verunsichert» zu sein.

 

Man muss ein gutes Gefühl haben, wenn man einem Finanzberater sein Geld anvertraut. Wobei das gute Gefühl nur eine notwendige, nicht aber eine hinreichende Bedingung ist. Es ist schon mancher auf die Nase gefallen, weil er sich von seinem Gefühl leiten liess. Man muss auch Leute kennen, Freunde oder Bekannte, die mit besagter Firma gute Erfahrungen gemacht haben.

 

«Wenn Sie verunsichert sind, sollten Sie die Finger davon lassen», schrieb ich dem verunsicherten Leser. Vertrauen sei etwas vom Wichtigsten bei Finanzanlagen. Ich hätte schon zig Beispiele gesehen, in denen Anlegerinnen und Anleger von ihrem Berater enttäuscht und schlecht beraten worden seien.

 

Worauf mir der Leser zurückschrieb, er sei als 61-Jähriger vor allem auch deshalb verunsichert, weil der Steuerberater ihm geraten habe, die 3a-Kontos aufzulösen, die UBS-Aktien im Wert von 7000 Franken zu verkaufen und das ganze Geld an die «Finanz soundso» zu überweisen.

 

Spätestens hier schrillten bei mir die Alarmglocken. Die UBS-Aktie hat beim heutigen Kurs von rund 11 Franken eine Ausschüttungsrendite von rund 6 Prozent. Und selbst wenn die Dividende halbiert werden sollte, gibts über 3 Prozent. Keine ernst zu nehmende Vermögensverwaltungsfirma wird eine höhere Rendite garantieren.

 

Später erzählte er mir am Telefon, er und seine Frau kämen mit AHV und Pensionskasse auf ein Renteneinkommen von 5300 Franken, was aber unter ihrem Budget sei. Deshalb sei ihm empfohlen worden, sich die 2. Säule auszahlen zu lassen und das Geld eben der «Finanz soundso» zu überweisen.

 

Womöglich ist es in der Tat keine schlechte Idee, sich das Kapital der 2. Säule auszahlen zu lassen, wenn die Renten zum Leben nicht ausreichen. Ich sagte dann dem Leser, ich könne nicht sagen, was für ihn das Beste sei. Ich könne nur sagen, was ich persönlich nie machen würde: nämlich das Geld der Pensionskasse vollumfänglich einer Vermögensverwaltungsfirma anzuvertrauen.

 

Ich würde mich nicht darauf verlassen, dass eine Vermögensverwaltungsfirma mit einer sicheren Anlagestrategie das Renteneinkommen nachhaltig aufzubessern vermag. Sie protzen zwar nicht selten mit Hochglanz. Doch kochen tun auch sie nur mit Wasser.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 16. August 2020

Claude Chatelain