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Warum Rentner so gut leben

Der Schweizer Philosoph Ludwig Hasler erzählt in seinem neuen Buch vom feudalen Leben im Alter. Man bleibt im Schnitt nicht nur länger gesund und fit; man ist meist ordentlich bei Kasse. 

Die Alten gehen wandern, spielen Golf, machen Kreuzfahrten, nehmen aber keine Pflichten wahr. 25 Jahre Passivmitgliedschaft, nennt er das.

 

Der 76-Jährige war kürzlich Gast in der Fernsehsendung «Der Philosophische Stammtisch». Ebenfalls am Stammtisch nahm die Wirtschaftssoziologin und Unternehmerin Doris Aebi Platz. Sie bezeichnet die These Haslers als provokativ und verwies auf die Statistik: Sie zählt auf, dass nur zwei Drittel eine zweite Säule, knapp ein Viertel eine dritte Säule hätten. Und wenn man bedenke, dass 10 Prozent der AHV-Bezüger Ergänzungsleistungen beziehen, so sehe es noch drastischer aus.

 

Zu einem solchen Schluss kommt man, wenn man sich auf die Statistik beruft. Oder besser; wenn man die falsche Statistik zur Hand nimmt. Massgebend ist nicht, wie viele Personen eine zweite Säule und wie viele eine Säule 3a haben. Massgebend ist vielmehr, was Rentnerinnen und Rentner an Vermögen aufzuweisen vermögen, sei es in Form von Wohneigentum, Wertschriften und Spareinlagen. Und diesbezüglich geht es eben ganz vielen wirklich gut, wie Ludwig Hasler richtig feststellt.

 

Häufiger Grund, warum unsere Senioren und Seniorinnen finanziell nicht darben müssen, ist nicht allein den drei Säulen der Vorsorge geschuldet. Häufig liegt es daran, dass sie erben konnten.

 

Einer, der sich mit Erbschaften in der Schweiz wissenschaftlich beschäftigt, ist Marius Brülhart, Ökonomieprofessor der Uni Lausanne. Laut seiner Studie werden jährlich um die 95 Milliarden Franken vererbt. Man muss sich das mal vorstellen: das sind 95 000 000 000 Franken – also etwa das Doppelte, das der Bund zur Bewältigung der Corona-Krise an Schulden anhäufen wird. Und es ist etwa das Doppelte der jährlichen Ausgaben der AHV. Jeder zweite Vermögensfranken in der Schweiz ist geerbt.

 

Detaillierte Daten über Erbschaften sind sonst nur bruchstückhaft vorhanden. Doch eines ist gewiss: Ein paar wenigen Millionenerben steht die grosse Masse von Erbinnen und Erben kleiner und mittelgrosser Vermögen gegenüber. Brülhart geht davon aus, dass heutzutage rund 40 Prozent der 65-Jährigen einmal in ihrem Leben 100 000 Franken oder mehr vererbt oder geschenkt bekommen haben.

 

Oder sagen wir es so: Es gibt zwei Typen von Pensionären – die einen konnten erben, die anderen nicht. Und von diesen anderen mussten Mann und Frau überdurchschnittlich gut verdient haben, um im grossen Stil Golfrunden zu drehen, um den Globus zu reisen oder sich auf Kreuzfahrten zu vergnügen.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 5. Juli 2020

 

Claude Chatelain