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Spucken wir bald wieder in die Hände?

Vor knapp 40 Jahren stürmte der gesellschaftskritische Song «Bruttosozialprodukt» der deutschen Band Geier Sturzflug die Hitparaden.

Der Text «(...) Ja, dann wird wieder in die Hände gespuckt. Wir steigern das Bruttosozialprodukt. (...)» könnte aktueller nicht sein. Denn glaubt man der Rhetorik der Finanzmärkte, wird in absehbarer Zeit alles wieder wie früher sein. Es wird wieder in die Hände gespuckt. Das Bruttosozialprodukt über alles.

 

Oder wird doch alles anders sein? Manche befürchten, mangelndes Vertrauen in die Zukunft halte Unternehmer davor zurück zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Denn Konsumenten würden nur noch das kaufen, was sie wirklich nötig hätten. Eine Zurückhaltung, die sich derzeit in einer höheren Sparquote niederschlägt.

 

BLICK-Kolumnistin Patrizia Laeri schrieb kürzlich über den Frugalismus. Ein Trend aus den USA, der insbesondere bei jüngeren Leuten zunehmend praktiziert wird. Es ist dies eine auf Sparsamkeit ausgerichtete Lebenseinstellung, um sich möglichst früh finanzielle Unabhängigkeit zu verschaffen. «Möglichst viel einnehmen, möglichst wenig ausgeben – und möglichst profitabel investieren», wie es Laeri formulierte.

 

Für die Wirtschaft kein gutes Omen. Schon längst fusst das Erfolgsrezept der Wegwerfgesellschaft auf der Prämisse, dass Leute Sachen kaufen, die sie gar nicht nötig hätten. Die Wirtschaft ist nicht nur darauf ausgerichtet, Bedürfnisse zu decken, sondern vielmehr Bedürfnisse zu wecken. Mathias Binswanger hat das in seinem Buch «Der Wachstumszwang» treffend beschrieben. Man weckt Wünsche, von deren Existenz der Konsument gar nichts ahnte.

 

Statusgüter sind es, die Konsumentinnen und Konsumenten bei Laune halten, schreibt Binswanger. Aber was geschieht mit einer Wirtschaft, wenn sich nicht nur eine kleine Minderheit, sondern eine grosse Mehrheit nicht darum schert, was andere über einen denken, und sich zum Beispiel mit einem alten verbeulten Honda (so wie ich) zufriedengibt, obschon sie sich auch eine schneidige Karosse leisten könnte? Was ist, wenn es nicht mehr cool ist, Markenprodukte zu tragen, mit neuen (geleasten) Boliden zu protzen und permanent dem neusten Trend hinterherzurennen? Was ist, wenn der Frugalismus überhandnimmt?

 

Schon im 16. Jahrhundert schrieb der französische Philosoph Michel de Montaigne: «Der Genuss ist es, der glücklich macht, nicht der Besitz.» Doch bei Kurzarbeit und drohendem Jobverlust ist es mit dem Genuss auch nicht weit her. Deshalb habe ich meine Zweifel, ob wirklich ein Wertewandel auf breiter Front um sich greift. Auf dem Parkplatz beim Golfplatz ist mein Honda bei weitem das schäbigste Vehikel weit und breit.

 

Die Börsen könnten also schon bald wieder recht bekommen, und wir singen mit Geier Sturzflug: «Ja, ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.»

 

Erschienen im SonntagsBlick am 21. Juni 2020

Claude Chatelain