Von Whiskey, Schlössern und Hirtenhund-Wettkämpfen

Eine Rundreise im Westen Irlands hat Überraschendes zu bieten. Die Schönheit der Landschaft macht den Besuch unvergesslich.
Eine Rundreise im Westen Irlands hat Überraschendes zu bieten. Die Schönheit der Landschaft macht den Besuch unvergesslich.

«Whiskey ist flüssiges Sonnenlicht.» Der das sagte, ist George Bernard Shaw, irischer Dramatiker. Soll es eine Anspielung aufs irische Wetter sein? Dient die im Holzfass gereifte Spirituose als Ersatz für das, woran es auf der grünen Insel mangeln könnte?

 

Doch das Wetter in Irland ist besser als sein Ruf, hört und liest man allenthalben. Wobei es schlechtes Wetter eigentlich gar nicht gibt; höchstens unpassende Kleidung. Tatsache ist aber, dass es in Irland häufig regnet. Und ebenfalls ist Fakt, dass Irland dank dem warmen Golfstrom ein gemässigtes Klima aufweist: eher milde Winter, eher kühle Sommer.

 

Früher gabs in Irland 2000 Whiskey-Destillerien

Man beachte die Schreibweise: «Whiskey» statt «Whisky». Damit will man sich von den Schotten abgrenzen. Beide reklamieren die Erfindung für sich. Die Iren wollen ihn erfunden haben. Doch die Schotten sind die ersten gewesen, die das Getränk urkundlich erwähnten.

 

Anfang des 20. Jahrhunderts zählte man in Irland um die 2000 Destillerien. 1950 waren es noch fünf. Inzwischen besannen sich die Iren wieder auf ihre Tradition und schufen gegen 80 Destillerien. Solches erfährt man in der Brennerei von Kilbeggan – rund 90 Autominuten westlich von Dublin. 1757 gegründet, gilt sie als die älteste Irlands oder sogar der Welt.

 

Besser als im Merian-Heft kann man die Stimmung in der Destillerie in der Grafschaft Westmeath nicht beschreiben: «Ein dunkles Gemäuer, in dem es unheimlich knackt und knistert, und sobald der Wind um die Ecken heult, könnte man hier einen Gruselfilm drehen, ohne an der Kulisse arbeiten zu müssen.»

 

Zum Besuch einer Destillerie gehört selbstverständlich auch eine Degustation. In Kilbeggan kann man sich davon überzeugen, dass sich das Lebenswasser irischer Herstellung eher mild anfühlt, im Gegensatz zum rauchigen Scotch.

 

Im Mietauto die Landschaft betrachten

 

Irland bereist man vorzugsweise im Mietauto. Laut dem Irland-Spezialisten Rolf Meier Reisen sind Fly-and-Drive-Angebote schon länger hoch im Kurs. Man bedenke, dass in Irland auf der für Kontinentaleuropäer ungewohnten linken Spur gefahren wird. Das erschwert es, beim Fahren gleichzeitig die vorbeiziehende Landschaft zu geniessen.

 

Gerade Schweizerinnen und Schweizer, die sich daran gewöhnen müssen, dass fast jeder freie Fleck überbaut wird, geniessen die Weite und die unverbaute Natur mit ihrem dichten Grün und den vielen Schafen. Acht Millionen sollen es sein, gegenüber 4,8 Millionen Einwohnern. Vorteilhaft ist es, wenn man sich beim Fahren abwechseln kann, um nicht nach jeder Kurve einen Fotostopp einlegen zu müssen.

 

2500 Kilometer auf dem Wild Atlantic Way

 

Westport, ein auf dem Reisbrett entstandenen Städtchen mit 6000 Einwohnern
Westport, ein auf dem Reisbrett entstandenen Städtchen mit 6000 Einwohnern

Besonders eindrucksvoll ist die Landschaft entlang des Wild Atlantic Way, einer 2500 Kilometer langen Strasse an der Westküste Irlands. Die drittgrösste Insel Europas hat zwar von Norden nach Süden nur eine Länge von knapp 500 Kilometern. Doch wegen der stark zerklüfteten Küste mit ihren Buchten und Rundungen erstreckt sich die Länge des Wild Atlantic Way auf ein Vielfaches davon.

 

An dieser berühmten Strasse liegt zum Beispiel Westport, ein auf dem Reisbrett entstandenen Städtchen mit 6000 Einwohnern. Nur acht Kilometer davon entfernt ist der Croagh Patrick, ein 760 Meter hoher Berg. Der Legende nach hat Irlands Schutzpatron, der heilige Patrick, auf diesem Berg 40 Tage gefastet und eine Kapelle erbaut. Alle Jahre am letzten Juli-Sonntag pilgern Tausende von Gläubige und angeblich auch Schaulustige den sieben Kilometer langen Weg hinauf zum Gipfel, einige davon scheinbar auch barfuss. Wallfahren heisst auch Leiden.

 

Auf dem Weg zur Beatle-Insel

 

Gut zu sehen ist der heilige Berg mit seinem Pilgerpfad vom Schiff aus. Ab Westport führen Bootsausflüge in die Clew Bay. 365 Inseln soll es dort geben, erzählt der Bootsführer, fast alle unbewohnt. Andere Quellen sprechen von 117 Inseln.

 

Eine dieser unbewohnten Inseln war einst im Besitz von John Lennon (†40). Der Gitarrist der Beatles kaufte sie 1967, um sich später vom Rummel zu erholen. Später lebten um die 25 Hippies in Zelten auf der Beatle-Insel und trotzten für einige Jahre den garstigen Atlantikstürmen.

 

Sheepdog - ein Spektakel sondergleichen

 

Dass Irland sonderbare Wettkämpfe durchführt, dürfte dem einen oder anderen nicht entgangen sein: Hurling ist eine Art Landhockey, Gaelic Football ist eine Mischung aus Fussball und Rugby. Populär und für den Irland-Besucher spektakulär sind auch die Sheepdog-Trials, wie sie überall in Irland wettkampfmässig durchgeführt werden.

 

Wie das geht, zeigt die Familie Joyce in Shanafaraghaun auf dem Weg von Westport nach Clifden. Border Collies veranschaulichen, wie sie die pfeifenden Instruktionen des Züchters folgen und die Schafherde manövrieren. Dreimal täglich demonstriert Joe Joyce das Können seiner Hunde.

 

Eigentlich ist Joyce Schafhalter. Doch der Verkauf der Wolle all seiner 200 Schafe brachte ihm gerade mal 35 Euro ein. Verkauft er einen dressierten Herdenhund, schauen je nach Qualität 1000 bis 3000 Euro heraus. Auch mit den Demonstrationen verdient der Familienvater Geld. Erwachsene zahlen zehn Euro.

 

Lachsräucherei in Connemara

Mit Stolz zeigt Graham Roberts in Connemara den filetierten Lachs.
Mit Stolz zeigt Graham Roberts in Connemara den filetierten Lachs.

 

Eine Demonstration ganz anderer Art liefert ein gewisser Graham Roberts. Der Vater von vier Kindern ist Inhaber der 1979 gegründeten Lachsräucherei im äussersten Westen der Region Connemara. Gelernt hat der 44-Jährige sein Handwerk von seinem Vater, wofür er sehr dankbar sei. Er werde das Know-how seinen Kindern weitergeben. Dies sei hier betont, weil der redselige, aber überaus sympathische Mann dies in seiner Vorführung auch mehrmals erwähnte. Sein Smokehouse ist das älteste in Connemara und eines der wenigen, in dem weiterhin wilder Atlantik-Lachs geräuchert wird.

 

Der Besucher erhält eine Kostprobe seiner Handfertigkeit. Im Nu ist der Fisch seziert und seiner Gräten entledigt. Ginge das auch maschinell? «Ja», bestätigt Graham Roberts, um fast im selben Atemzug die Vorteile der manuellen Verarbeitung zu erwähnen: Da würden unreine oder fettige Stellen entdeckt und gleich entfernt.

 

Schlossähnliche Bauten

Wegen des Essens fliegen die wenigsten nach Irland. Wegen der Hotels schon eher. Schlossähnliche Bauten, geräumige Zimmer, ein Genuss für Nostalgiker. Das Abbeyglen in Clifden ist so eine Herberge. Dort trifft man auf einen gewissen Brian Hughes. Er ist der Mann, der beim Essen dafür sorgt, dass man nicht auf dem Trockenen sitzt. Nach dem Essen setzt er sich ans Klavier und liefert eine Show ab. Ist Brian nun Oberkellner oder Head of Entertainment? Weder noch oder alles zusammen: Vor allem ist er aber auch Besitzer des Hauses. 

 

Die exklusivste Unterkunft Irlands

 

Wem es nicht aufs Geld ankommt, macht im Ashford Castle halt – der vielleicht exklusivsten Absteige Irlands, 45 Autominuten von Galway entfernt. Es ist nicht ein schlossähnliches Hotel, es ist ein Schloss mit allem, was dazugehört: einem weitläufigen Park und einem angrenzenden See. Sogar ein Kino mit 32 Sitzplätzen gehört dazu.

 

Im vorletzten Jahrhundert hat die Bierbrauer-Dynastie Guinness die um 1228 erbaute mittelalterliche Festung in ein Schloss umgebaut. Es hat 82 individuell eingerichtete Zimmer mit Preisen irgendwo zwischen 700 und 5000 Franken pro Nacht. 

 

Wem die Übernachtung zu teuer ist, beschränkt sich auf einen Afternoon Tea. Der Besuch lohnt sich.

 

 

Erschienen auf blick.ch am 12. Mai 2019

Claude Chatelain