Gopfried Stutz: Niemand will sparen – auch wir nicht

Die «Arena» des Schweizer Fernsehens ist nun wirklich nicht meine Lieblingssendung. Der fehlende Anstand der Teilnehmer, den anderen nicht ständig ins Wort zu fallen, geht mir dermassen auf den Keks, dass ich mir lieber die «Heute-Show» auf ZDF reinziehe.

Doch manchmal tue ich mir aus beruflichem Pflichtgefühl die Sendung an, zum Beispiel wenn es um die Gesundheitspolitik geht. «Spitzenmedizin – aber günstig», lautete kürzlich der Titel der Sendung. Es ging aber nicht wirklich um Spitzenmedizin, sondern, wie meistens, um Sparvorschläge. Alle waren sich mehr oder weniger einig: So kann es nicht mehr weitergehen. Das jährliche Wachstum der Krankenkassenprämien gehört gestoppt.

 

Doch alle wissen es: Es wird so weitergehen. Die Prämien werden weiterhin steigen. Jene, die eigentlich sparen könnten, wollen gar nicht sparen: Die Spitäler haben wenig Anreiz, ambulant statt stationär zu operieren, wenn der ambulante Eingriff nicht kostendeckend ist. Die Kantone wollen nicht sparen, weil sonst ihre Spitäler nicht mehr rentieren. Die Pharmaindustrie will nicht sparen, weil sonst ihre Aktionäre darben müssten. Bundesrat Alain Berset will nicht sparen, sonst würde er nicht die Wahlfreiheit der Franchise einschränken. Und die Ärzte wollen auch nicht sparen, schliesslich haben sie sich an ein stattliches Einkommen gewöhnt, was freilich nicht für alle in gleichem Masse gilt.

 

Eine ganz, ganz wichtige Gruppe, die nicht sparen will, habe ich noch nicht erwähnt: die Prämienzahler. Sie könnten nämlich sparen, indem sie jeweils auf Anfang Jahr zu einer günstigeren Kasse wechseln. Doch keine zehn Prozent der Schweizerinnen und Schweizer machen davon Gebrauch. Viele tun es nicht, weil es für sie zu umständlich ist.

 

Man muss sich das mal vorstellen: Da rennen Shopperinnen und Shopper von einem Laden zum andern, um hier oder dort ein Schnäppchen zu ergattern. Tausende reisen jährlich ins nahe Ausland, um sich mit günstiger Ware einzudecken. Doch wenn es darum geht, mit einem Kassenwechsel Hunderte, wenn nicht Tausende Franken einzusparen, so ist das vielen zu anstrengend.

 

Nicht zu vergessen die rund 3,6 Millionen Prämienzahler, die sich den Luxus einer Spitalkostenzusatzversicherung leisten.

 

Im Juni 2012 haben Schweizerinnen und Schweizer auch mit dem Stimmzettel deutlich gemacht, dass sie nicht sparen wollen. Die Managed-Care-Vorlage wurde mit 76 Prozent abgeschmettert. Es war eine Sparvorlage. Angeblich soll die Mehrheit wegen der Einschränkung der freien Arztwahl ein Nein in die Urne gelegt haben. Und wenn es darum geht, mit einer Fusion von zwei Kantonsspitälern zig Millionen Franken zu sparen, so sagt der Stimmbürger an der Urne Nein. So geschehen am letzten Abstimmungssonntag in Basel-Stadt.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 17. September 2019

Claude Chatelain