Gopfried Stutz: Warum ich die Rente nehme – 2. Teil

Vom brasilianischen Schriftsteller Paulo Coelho stammt der schöne Satz: «Es ist gut, etwas Langsames zu tun, bevor man im Leben eine wichtige Entscheidung trifft.»

Eine wichtige Entscheidung trifft man vor der Pensionierung: Soll man die Rente oder das Kapital nehmen? Ich hab es am 28. August geschrieben: Ich nehme die Rente. Was aber nicht heissen will, dass das für jede und jeden besser ist. Was für mich gut ist, muss für andere nicht automatisch auch gut sein.

 

Ich habe seither einige Reaktionen auf die Kolumne erhalten: egoistische, nebensächliche, verfehlte, falsche, gutgläubige und nützliche.

 

Egoistisch etwa jener Bekannte, der sich das Kapital auszahlen liess mit der Bemerkung: «Wenn das Geld ausgeht, beantrage ich Ergänzungsleistungen.» Im Alter stelle man eh keine hohen finanziellen Ansprüche.

 

Nebensächlich jene Bemerkung, beim Kapitalbezug hätten die Erben auch etwas vom Geld, wenn man früher als später das Zeitliche segne. Sachlich ist das zweifellos richtig. Doch AHV und Pensionskasse sind für meine Vorsorge gedacht. Wer Kinder grosszieht und ihnen die bestmögliche Bildung finanziert, hat meines Erachtens seine Schuldigkeit getan.

 

Verfehlt ist die Einschätzung jenes Pensionärs, der Kapitalbezug sei steuerlich interessanter. Wenn das Ziel darin besteht, möglichst wenig Steuern zu bezahlen, ist die Aussage richtig. Wenn aber das Wohlbefinden wichtiger ist als die Höhe der Steuerrechnung, so ist die Erkenntnis nicht zielführend.

 

Falsch ist jene Aussage eines Wutbürgers, es sei eine Frechheit, dass der Staat bei der Auszahlung des Kapitals Steuern kassiere, obschon das Geld schon mehrfach versteuert worden sei, bevor es in die Pensionskasse geflossen sei. Richtig ist, dass beim Bezug des Kapitals eine einmalige Steuer zu einem Sondersatz zu entrichten ist. Falsch ist, dass das Guthaben in der Pensionskasse schon vorher versteuert wurde. Versteuert wird der Nettolohn, also nach Abzug der Sozialleistungen.

 

Gutgläubig ist die Belehrung jenes Jungspunds, der mir vorrechnete, wie alt man mit einem regelmässigen Kapitalverzehr werden könne, bevor das Geld ausgeht. Er hat noch nicht mitbekommen, wie sich ein Mensch im Alter verändert, wie logisches Denken verloren gehen kann, wie es sich anfühlt, ein Vermögen nach und nach zu verbrauchen, wenn man zeitlebens immer gespart hat.

 

Nützlich ist schliesslich jene Regel, die mir ein Fachmann mailte. Was man fürs Existenzminimum brauche, soll man sich als Rente beziehen. Was darüber liege, könne man sich als Kapital auszahlen lassen. Es ist eine altbekannte Regel, die jenen dient, die sich nicht entscheiden können.

 

Was soll man nun Langsames tun, bevor man sich für die Rente oder das Kapital oder für beides entscheidet? Fragen Sie Coelho.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 6. Januar 2019

Claude Chatelain