Gopfried Stutz: Die acht Gebote

Weltbekannt sind die Zehn Gebote, die heiligen Worte Gottes, in Stein gemeisselt, verfasst vermutlich im 5. Jahrhundert vor Christus.

Nur Insidern bekannt sind die acht Gebote der Geldanlage, die Anlagegrundsätze von Erwin Heri, in Buchform erschienen, publiziert vor zwanzig Jahren vom Helbing Lichtenhahn Verlag in Basel.

 

Erwin Heri ist Professor für Nationalökonomie und Buchautor. Er bezeichnet sich als Hybrid, denn er ist als Akademiker und als Praktiker tätig. So war der 64-Jährige unter anderem Finanzchef bei der Credit Suisse Financial in Zürich. In jüngeren Jahren – das beeindruckt mich noch mehr – war Heri Mitglied der Schweizer Tischtennis-Nationalmannschaft und vertrat die Schweiz an Weltmeisterschaften.

 

Heri ist ein Aktienfan. Das trifft sich gut. Wenn nicht ein Wunder geschieht, werden die wichtigsten Indizes das Jahr im Minus schliessen. Der Swiss Market Index (SMI) beispielsweise verliert heuer über zwölf Prozent. Sicher nicht die schlechteste Gelegenheit, sich mit Aktienanlagen zu befassen. Immer unter der Voraussetzung, dass man Heris Gebote nicht verletzt. Hier sind sie:

  1. Investieren Sie: Aktienabstinenzler müssen sich mit mageren Renditen begnügen. Das Sparbuch bringts nicht.
  2. Trachten Sie nicht nach kurzfristigem Gewinn: Hohe Renditen auf die Schnelle bergen hohe Risiken. Auch Früchte reifen nur langsam.
  3. Versuchen Sie nicht, den richtigen Moment zu erwischen – es gibt ihn nicht: Auch Profis versagen beim Versuch, beim tiefsten Punkt zu kaufen und beim höchsten zu verkaufen. Die Losung heisst: gestaffelt investieren.
  4. Versuchen Sie nicht, den richtigen Titel zu finden – es gibt ihn nicht. Es gibt Beispiele zuhauf, bei welchen ein Aktienkurs entgegen aller Prognosen in die falsche Richtung verlief. Das Zauberwort heisst: geografische Streuung.
  5. Versuchen Sie nicht, mehr zu wissen als der «Markt», denn der «Markt» weiss viel. Was Sie zu wissen glauben, wissen unzählige andere auch. Geheimtipps sind selten geheim.
  6. Seien Sie diszi-pliniert. Definieren Sie eine Anlagestrategie. Lassen Sie sich von kurzfristigen Ausschlägen nicht beirren. Hin und Her macht Taschen leer.
  7. Haben Sie Spass, aber – Strategy first. Es spricht nichts dagegen, mit einem kleinen Teil des Vermögens zu «börselen». Auch die Spiellust soll befriedigt werden.
  8. Trauen Sie keinem. In der Finanzbranche tummeln sich zahlreiche Scharlatane. Und die seriösen Finanzberater sind auch keine Hellseher.

 

Man darf mir gerne vorwerfen, ich hätte diese Gebote schon zig Mal aufgezählt. Ich sehe das entspannt. An Weihnachten wird auch alle Jahre die gleiche Geschichte aus dem Evangelium nach Lukas vorgelesen. «Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging...» und so weiter.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 30. Dezember 2018

Claude Chatelain