Gopfried Stutz: Sorgt euch nicht um die Altersvorsorge!

Die Credit Suisse hat Ertragsprobleme. Als Konsequenz entziehen Aktionäre der Grossbank das Vertrauen: Die Aktie verlor im laufenden Jahr über 35 Prozent.

 

Doch Schweizerinnen und Schweizer sorgen sich nicht so sehr um den Aktienkurs der CS. Sie sorgen sich vielmehr um ihre Altersvorsorge. Das zumindest sagt das Sorgenbarometer, das in der Vorwoche ausgerechnet von der CS publiziert wurde. «Altersvorsorge an der Spitze», schrieb sie in einer Medienmitteilung.

 

Für die CS sind das good News. Wenn Bürger der staatlichen Altersvorsorge misstrauen, stärken sie die Selbstvorsorge – sei es via der steuerbegünstigten Säule 3a, sei es mit anderen Finanzanlagen. Die Banken freuts. 

 

Ich will GFS Bern, das die Umfrage im Auftrag der CS durchführte, nicht unterstellen, seinen Fragenkatalog mit Suggestivfragen angereichert zu haben. Und doch hege ich Zweifel an der Aussagekraft der Befragung. Auf Rang zwei der wichtigsten Sorgen beispielsweise rangiert Gesundheit/Krankenkassen. Was jetzt, Gesundheit oder Krankenkassen?

 

Welche Sorgen der Altersvorsorge meinen die Befragten genau? Die Sorge, im Alter keine Rente zu bekommen oder die Sorge, zu hohe Lohnabzüge und Mehrwertsteuerprozente für die Altersvorsorge in Kauf nehmen zu müssen? Und wenn doch die Altersvorsorge die grösste Sorge sein soll, weshalb verwarf das Stimmvolk im September letzten Jahres die Altersreform 2020, welche die ersten beiden Säulen, die AHV und die berufliche Vorsorge, auf ein solideres Fundament gestellt hätten?

 

72 Prozent der Befragten finden, dass das Drei-Säulen-Modell gut funktioniere. Was jetzt? Wenn ein Modell gut funktioniert, braucht man sich doch keine Sorgen zu machen. Die CS schreibt, dass die Befragten die Hauptsorge AHV/Altersreform als «gesamtgesellschaftliches Problem» betrachten. Aha.

 

Bürgerliche Politiker schüren gezielt Ängste, damit das Stimmvolk endlich Zusatzfinanzierungen und Leistungskürzungen der ersten und zweiten Säule zustimmt. Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass sich die beiden Säulen in Schieflage befinden. Daraus zu folgern, dass jüngere Zeitgenossen dereinst keine Altersrente erhielten, wie das mitunter kolportiert wird, ist doch reichlich schwarz gemalt.

 

Wir haben es in der Hand, an der Urne dafür zu sorgen, dass der AHV das Geld nicht ausgeht. Die Frage ist nicht, ob wir die AHV finanzieren können. Die Frage lautet vielmehr, ob wir sie sanieren wollen.

 

Was natürlich nicht heisst, dass man die dritte Säule nicht stärken soll. Es ist sicher nicht falsch, die Eigenverantwortung zu fördern und nicht alles dem Staat zu überlassen. Nur unnötige Sorgen sollte man sich nicht machen. Das gilt selbstverständlich nur für uns Stimmbürger; nicht aber für die CS mit ihrem schwindsüchtigen Aktienkurs. 

 

Erschienen im SonntagsBlick am 16. Dezember 2018

Claude Chatelain