Gopfried Stutz: Aktionäre haben keine Angst vor dem Brexit

Das «Echo der Zeit» ist eigentlich meine Lieblingssendung. Sie gilt als das Flaggschiff des Schweizer Radios. Leider berichtet das «Echo» dauernd über die neusten Verhandlungen in Sachen Brexit. Ich kann es nicht mehr hören.

Die gängige Betrachtung lautet: Für England ist der Brexit eine Riesenkatastrophe. Zwar nicht gesellschaftspolitisch, das interessiert eh niemanden, sondern wirtschaftspolitisch. Ist der Brexit wirklich eine Katastrophe?

 

Wenn das so wäre, müssten die Gewinne der Unternehmen zusammenbrechen. Und wenn die Gewinne ausbleiben, sinken die Aktienkurse. So weit, so klar.

 

Was der Swiss Market Index (SMI) für die Schweiz, ist der FTSE-100 für Grossbritannien: das wichtigste Börsenbarometer des Landes. Das Kürzel steht für Financial Times Stock Exchange Index; Insider sprechen vom Footsie.

 

Wenn wir wissen wollen, wie es um die englische Wirtschaft steht, betrachten wir die Kursentwicklung des Footsie. Vor der historischen Brexit-Abstimmung am 23. Juni 2016 lag der FTSE-100 bei 6368 Punkten; heute notiert er über zehn Prozent höher.

 

Jetzt wollen wir schauen, wie die Aktien der Euro-Länder in dieser Zeitperiode abschnitten. Dazu nehmen wir den wichtigsten Leitindex für die 19 Staaten mit der Einheitswährung. Es ist dies der EuroStoxx50-Index. In der gleichen Zeitspanne, also seit Juni 2016, stieg er bloss umvier Prozent, deutlich weniger stark als der FTSE-100. Und der SMI, dies nur zum Vergleich, stieg in diesen vier Jahren um acht Prozent.

 

Auf einen kurzen Nenner gebracht: Gemessen am wichtigsten Börsenindex ist die englische Wirtschaft besser unterwegs als die europäische. Von einer Katastrophe keine Spur. Im Gegenteil: Die Experten und Prognostiker lagen wieder mal tüchtig daneben.

 

Natürlich ist die Realität oft komplizierter. Christoph Schenk, Anlagechef bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB), sagt mir, dass an der Londoner Börse diverse Ölmultis und andere Energiegiganten kotiert sind, die ihre Gewinne in Dollar erzielen, aber in englischen Pfund abrechnen.

 

Und weil das Pfund seit dem Brexit gegenüber dem Dollar um 14 Prozent abwertete, stieg der Gewinn pro Aktie, was wiederum den Aktienkurs beflügelt. Im Euroraum seien dagegen Telekom- und Immobilienaktien stark vertreten, die nicht die gleiche Kursdynamik aufwiesen wie die Energiefirmen. Doch Schenk räumt ein, dass die britische Wirtschaft insgesamt vom schwächeren Pfund profitiert.

 

Was lernen wir daraus? Würde bei einer Kündigung der bilateralen Verträge der Franken auch schwächer? Unsere Exportwirtschaft, die notorisch den starken Franken beklagt, müsste jubilieren. Das würde sie vermutlich nicht tun, sondern weiter jammern, weil sie das besser kann. Diesmal nur aus einem anderen Grund.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 28. Oktober 2018

Claude Chatelain