Gopfried Stutz: Eine Spital-Versicherung, die keiner braucht

In den meisten Fällen bringt die Spitalversicherug Allgemeine Abteilung ganze Schweiz nichts. Das gilt insbesondere auch für Einwohner von Basel, im Bild deren Universitätsspital.
In den meisten Fällen bringt die Spitalversicherug Allgemeine Abteilung ganze Schweiz nichts. Das gilt insbesondere auch für Einwohner von Basel, im Bild deren Universitätsspital.

Ich staune, wie viele sich immer noch den Luxus einer Spitalkostenzusatzversicherung leisten: 649'000 sind halbprivat, 267'000 privat versichert. Noch mehr aber staune ich darüber, wie viele die Spitalversicherung «Allgemeine Abteilung ganze Schweiz» abgeschlossen haben: Es sind 2,68 Millionen.

Diese Zusatzversicherung bietet lediglich die Möglichkeit, ohne Aufpreis in einem Spital ausserhalb des Wohnkantons zu liegen. Für Appenzeller oder Urner mag das sinnvoll sein. Aber für einen Zürcher, Basler, Berner, Luzerner, Waadtländer, Genfer?

 

Was nicht alle wissen: Seit 2012 kann man sich auch ohne diese Zusatzversicherung in einem ausserkantonalen Spital behandeln lassen. Man muss lediglich die Differenz zu den Kosten bezahlen, die im eigenen Kanton anfallen würden. Bei Notfällen oder für Behandlungen, die im Heimkanton nicht angeboten werden, ist man ohnehin versichert.

 

Da möchte man natürlich wissen, wie hoch die Differenz ist, die man selber berappen müsste. Und ob das ausserkantonale Spital überhaupt teurer ist als das im Heimkanton. Sonst gäbe es ja keinen Aufpreis zu bezahlen...

 

Dazu muss man allerdings den Referenztarif des Heimkantons kennen. Dumm nur, dass einige Kantone ihre Referenzpreise bewusst tiefer angesetzt haben als die effektiv angewandten Tarife. So wollen sie verhindern, dass sich die Prämienzahler ausserhalb ihres Kantons behandeln lassen. Derzeit laufen in Bundesbern Bemühungen, diese Praxis zu unterbinden.

 

Doch selbst bei korrekten Referenzpreisen ist das Problem nicht gelöst. Wer kennt schon den Referenztarif seines Kantons? Wo kann man ihn einsehen? Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) verfügt nicht über eine entsprechende Übersicht.

 

Und selbst wenn ich die Referenztarife in Erfahrung bringe, nützt mir das bei Vertragsschluss wenig. Die Tarife ändern von Jahr zu Jahr.

 

Die Krankenkassen, die diese unnötige Versicherung verkaufen, werden einwenden, dass diese Produkte noch andere Zusatzleistungen beinhalten: etwa einen Beitrag an Bade- und Erholungskuren, an Brillen und Kontaktlinsen oder eine bessere Deckung für Spitalaufenthalte im Ausland. All das ist «nice to have», aber keineswegs zwingend.

 

Wie wir gesehen haben, weiss man nicht, ob eine Behandlung im ausserkantonalen Spital von der Grundversicherung vollends gedeckt ist. Sicher ist sicher, scheinen sich viele zu sagen, und versichern sich für die «Allgemeine Abteilung ganze Schweiz». Offenbar auch sehr viele, die in einem Universitätskanton wohnen. Schliesslich kostet die Versicherung nur ein paar Franken pro Monat.

 

Der Finanzchef einer Krankenkasse sagte mir einmal, die Zusatzversicherung «Allgemeine Abteilung ganze Schweiz» sei für die Krankenkasse trotz der tiefen Prämie ein gutes Geschäft: «Jeder hat sie, keiner braucht sie.»

 

Erschienen im SonntagsBlick am 21. Oktober 2018

Claude Chatelain