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Gopfried Stutz: Der Diebstahl auswärts kann mir gestohlen bleiben

Pro Kopf geben wir Jahr für Jahr mehr als 6600 Franken für Versicherungsprämien aus – nur Hongkong und die Cayman Islands kommen laut Swiss Re auf höhere Werte. Ich möchte daher die Gelegenheit nutzen, um über Sinn und Unsinn von Versicherungen zu sinnieren.

Häufig hört man, Erdbebenversicherungen seien totaler Quatsch. Die Wahrscheinlichkeit eines Erdbebens ist derart gering, dass diese Versicherung unnötig sei.

 

Wenn ich den Faden dieses Gedankens weiterspinne, müsste ich den ÖV-Schutzbrief der SBB empfehlen. Die Wahrscheinlichkeit, dass einem im Zug etwas abhandenkommt, ist ziemlich gross geworden. Jedenfalls grösser, als dass ein Erdbeben in der Schweiz Häuser zerstört. Über den ÖV-Schutzbrief habe ich hier am 19. August geschrieben. Er kostet bloss 27 Franken im Jahr.

 

Matchentscheidend ist jedoch nicht die objektive Wahrscheinlichkeit eines Schadens – die sogenannte Eintrittswahrscheinlichkeit –, sondern das Schadenpotenzial. Ein zerstörtes Eigenheim kann Menschen in den Ruin treiben; ein gestohlener Reisekoffer kaum. Im Strassenverkehr kann ein Personenoder Sachschaden in die Millionen gehen. Die Autohaftpflichtversicherung ist deshalb obligatorisch.

 

Nicht obligatorisch ist die Privathaftpflicht, obschon ruinöse Schäden auch abseits der Autostrassen entstehen können, etwa auf Skipisten oder Kinderspielplätzen.

Bei der Reiseversicherung denken viele an die Annullationskostenversicherung. Dabei ist gerade dieser Schutz nicht essenziell. Der Schaden besteht höchstens darin, dass eine bezahlte Reise nicht angetreten werden kann.

 

Elementar ist dagegen der Versicherungsschutz für eine allfällige Repatriierung. Muss man gesundheitshalber von einem fernen Land in die Heimat geflogen werden, kostet das je nach Flugdistanz Zehntausende von Franken. Die Eintrittswahrscheinlichkeit ist klein; das Schadenpotenzial gross. Bei einer Annullationskostenversicherung ist es gerade umgekehrt.

Völlig schräg sind gewisse Zahnversicherungen, die pro Jahr maximal 500 Franken abdecken.

 

Bei einigen Schlaumeiern wird die Rechnung aufgehen, wenn die vergütete Zahnarztrechnung die Jahresprämie übertrifft. Doch mit dem Wesen einer Versicherung hat das nichts zu tun.

Selbst die Versicherung gegen einfachen Diebstahl auswärts, die vier von fünf Haushalten abgeschlossen haben, konnte mir jahrelang gestohlen bleiben, denn die Schadensumme ist ja auf 2000 Franken beschränkt. Und dann muss man erst noch 200 Franken Selbstbehalt in Kauf nehmen und einen Polizeirapport beschaffen.

 

 

Als ich vor ein paar Wochen ein neues Velo kaufte (ein richtiges Velo, bitte sehr, kein E-Bike!) habe ich nun trotzdem die Versicherung gegen einfachen Diebstahl auswärts abgeschlossen. Warum eigentlich? Weil ich ein typischer Schweizer bin.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 30. September 2018

Claude Chatelain