Gopfried Stutz: Drum prüfe, wer sich unnötig versichert

Die SBB verkauft ÖV-Schutzbriefe für 27 Franken im Jahr.
Die SBB verkauft ÖV-Schutzbriefe für 27 Franken im Jahr.

Ein Dampfer gerät in Seenot. Doch die Passagiere weigern sich, in die Rettungsboote zu gehen. Da schreitet der Kapitän ein. Es gelingt ihm, Angehörige aller Nationalitäten davon zu überzeugen, sich in die Boote zu begeben. Nur: Wie hat er das geschafft? Den Japanern sicherte er zu, das mache sie stark; den Engländern erklärte er, das sei sportlich; den Deutschen machte er deutlich, es sei ein Befehl; den Italienern gab er zu bedenken, das sei verboten, und den Schweizern beteuerte er, sie seien versichert.

Der Witz kam mir in den Sinn, als ich im Pendlerblatt «20 Minuten» las, in Zügen werde immer mehr geklaut; dagegen könne man etwas tun: Das Versicherungsunternehmen Allianz biete zusammen mit den SBB einen ÖV-Schutzbrief an.

 

Also ging ich der Frage nach, weshalb die Allianz einen solchen Schutzbrief lanciert, obwohl doch bereits 85 Prozent der Haushalte gegen einfachen Diebstahl auswärts versichert sind?

Es stellte sich heraus, dass das Produkt gar nicht von der Allianz, sondern von der Allianz Global Assistance in Wallisellen stammt, die aus der Elvia Reiseversicherung hervorgegangen ist, einer Zweigniederlassung der französischen AWP P&C S.A., die wiederum der deutschen Allianz gehört.

 

Die Allianz Global Assistance (um eine Verwechslung zu vermeiden, schreibe ich den vollen Namen) vertreibt ihre Produkte nur über Partner – B2B nennt sich das: Business to Business. Im vorliegenden Fall heisst der Partner SBB.

 

Die Bahnangestellte am Zürcher Hauptbahnhof erklärte mir, beim einfachen Diebstahl auswärts müsse ein Selbstbehalt von 200 Franken in Kauf genommen werden; beim ÖV-Schutzbrief entfalle dieser Selbstbehalt. Ich war erstaunt, wie gut sie über das Produkt Bescheid wusste.

 

Versichert sind etwa der Verlust persönlicher Karten, die Kosten beim Verlust des Hausschlüssels, das Reisegepäck und sogar Bargeld bis 5000 Franken. Aber aufgepasst: Handys, Tablets oder Laptops sind nicht versichert. Das würde die bescheidene Jahresprämie von 27 Franken massiv verteuern.

 

Obschon ich fast täglich im Zug reise, käme es mir nie in den Sinn, einen solchen Schutzbrief des öffentlichen Verkehrs zu kaufen. Doch angeblich soll es viele, sogar «sehr viele» Leute geben, die diese Versicherung abgeschlossen haben. «20 Minuten» spricht von einer Zunahme im «höheren zweistelligen Prozentbereich»; gegenüber 2017 stelle man sogar eine Verdopplung fest.

 

Ich wollte es genauer wissen, doch Sandro Schwärzler von der Allianz Global Assistance wollte nicht konkreter werden.

 

Was heisst «sehr viel»? Was heisst «doppelt so viel»? Wenn im einen Jahr 10 Policen verkauft werden und im folgenden deren 21, hätten wir bereits mehr als eine Verdoppelung – sowie ein Wachstum im zweistelligen Prozentbereich.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 19. August 2018

Claude Chatelain