Von Gümligen in die Welt

Die Haco Gümligen sorgt selten für Schlagzeilen. Vielleicht auch deshalb, weil der Lebensmittelhersteller von Unternehmern und nicht für Managern geführt wird. Das 95-jährige Unternehmen hat sich vom Hoflieferanten der Migros zu einem weltweit tätigen Konzern gemausert. Die Firmengeschichte ist reich an Anektoten. 

„Klar, kenne ich die Haaf’sche Apotheke. Sie wurde vor rund zehn Jahren von der Dr. Noyer-Apotheke übernommen“, versichert die Nachbarin, gelernte Drogistin. Und Haco? „Logisch, dort in Gümligen riecht es immer so fein nach Suppe“.  

 

Dass aber Haco aus der Berner Apotheke Haaf hervorgegangen war, das wusste die Nachbarin nicht. Wie wohl ganz viele andere Bernerinnen und Berner auch nicht. 1922 wars. Haco wurde als Produktions- und Vertriebsstandort für Spezialitäten der Haaf’schen Apotheke gegründet. Sie erwarb den Suppen- und Bouillonhersteller TexTon in Gümligen und setzte damit den Grundstein für die Herstellung von Lebensmitteln.

 

«Eigener Nobelpreisträger»

 

Noch etwas dürfte manchen Bernerinnen und Bernern entgangen sein: Haco zählte mal einen Nobelpreisträger in seinen Reihen: Der Chemieprofessor Tadeus Reichstein erhielt 1950 den Nobelpreis für Medizin. Seine nachhaltige Entdeckung gelang ihm Anfang der dreissiger Jahre mit der Synthese der Ascorbinsäure aus Glucose. Das Verfahren ermöglichte die industrielle Herstellung von Vitamin C. Haco hatte zu jener Zeit einen eigenen Pharmabereich. Reichstein war dessen Forschungsleiter – und dies mit einem ganz speziellen Arbeitsvertrag. Es war vertraglich geregelt, dass Reichstein bei schönem Wetter das Recht habe, in die Berge zu gehen.  Wer weiss, vielleicht werden solche Arbeitsverträge angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels künftig zur Norm.

 

Überhaupt ist die Historie von Haco eine Geschichte voller Überraschungen. „Die Rezeptur des Kaffees vor Ihnen machen wir für einen russischen Kunden“, sagt Emanuel Marti im Sitzungszimmer am Hauptsitz in Gümligen. Der 53-jährige Betriebsökonom arbeitet seit 2004 bei Haco; seit einem Jahr ist er CEO. Erstaunlicherweise ist die Etikette des Kaffees japanisch beschriftet mit einer russischen Übersetzung. Die Russen wollen damit den Eindruck erwecken, dass der Kaffee aus dem fernöstlichen Inselreich stamme. Denn „Made in Japan“ habe in Russland einen höheren Stellenwert als „Made in Switzerland“.

 

1965 wurde der Pharmabereich verkauft, was nicht zuletzt auch Gottlieb Duttweiler zu verdanken ist.  Seit 1929 stellt Haco für die Detailhandelskette Produkte her, die die Migros unter eigener Marke vertreibt.  Auch das ist eine schöne Geschichte: Die Firmen Maggi und Knorr boykotierten die Migros wegen Duttis Tiefpreispolitik. Also gelangte der Migrosgründer an die Haco, die  für die aufstrebende Detailhandelskette Bouillonwürfel herstellte. So ist Haco zu einem Spezialisten für Private-Label-Produkte geworden. Bekannt ist auch Eimalzin, so etwas wie die Migrosversion von Ovomaltine.

 

Lebensmittel statt Pharma

 

Das Geschäft mit der Migros wurde immer wichtiger, so dass sich Haco entscheiden musste: Lebensmittel oder Pharma.  Der Entscheid ist bekannt. Bis vor zehn Jahren machte der Umsatzanteil der Migros mehr als 50 Prozent aus. Eine gefährliche Abhängigkeit. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Migros ihr Sortiment auch Markenartikeln öffnete. Doch nach allem, was man hört und liest, hatte die Abhängigkeit von der Migros keine negativen Konsequenzen.  Mittlerweile beliefert Haco auch Coop, Aldi und Lidl. Der Anteil der Migros am Haco-Umsatz ist auf unter 20 Prozent gefallen.

 

Heute vertreibt Haco ihre Produkte über drei Kanäle: Rund 60 Prozent werden über den Detailhandel vertrieben. 30 Prozent entfallen auf den Foodservice, gemeint  sind Gastronomie, Gemeinschaftsverpflegung, Heime oder Spitäler. Schliesslich beliefert Haco auch die Lebensmittelindustrie. Dies vor allem mit würzigen Geschmackstoffen und Kaffee-Extrakten.

 

Heute weltweit tätig

 

2004 entschied sich Haco, auch im Ausland zu produzieren und kaufte Firmen in Deutschland, Österreich, der Niederlande, Malaysia und in den USA. In dieser Zeit hat sich der Umsatz auf 450 Millionen Franken mehr als verdoppelt.

 

Die Auslandstrategie erfolgte nicht primär wegen der tieferen Produktionskosten, sondern aus logistischen Überlegungen. „In gewissen Märkten muss man vor Ort produzieren können, um die Produkte absetzen zu können“, sagt Marti. Manchmal sind es Einfuhrbeschränkungen, die dazu führen, dass man gewisse Produkte besser im betreffenden Land herstellt.

 

Marti nennt das Beispiel der Hühnerbouillon. Wollte man diese in die USA exportieren, mussten Hühner und Hühnerfett laut US-Recht aus den USA stammen. Die Importware wurde dann in Gümligen zu Bouillon verarbeitet und in die USA exportiert. Dann verschärfte die EU ihre Vorschriften, so dass Lebensmittel mit Hühnern aus den USA nicht mehr in die EU exportiert werden konnten. Statt den US-Markt aufzugeben, kaufte Haco in Los Angeles einen Flüssigproduzenten von Saucen, wo jetzt mit dem Rezept von Haco Hühnerbouillon hergestellt wird. (Herr Marti, wie war das mit der Vogelgrippe?)

 

Auf die Frage: „Was fällt Ihnen zu Haco ein?“ anworten viele: „dass es bei der Fabrik in Gümligen sein fein riecht“. Doch mindestens einer der spontan Befragten im Kollegenkreis antwortete mit „Farmel-Riegel der Migros“. Die bekannte Migros-Marke ist ebenfalls ein Produkt von Haco, genauer von Narida. Hergestellt werden die Riegel  in Lanzenhäusern bei Schwarzenburg.

 

Riegel aus Ried

 

Auch zu Narida gibt’s schmucke Anektoten. In Lanzenhäusern gibt es eine Quelle, mit dessen Wasser das „Schwarzenburger Mineralwasser“ abgefüllt wurde. Der Getränkehersteller Unifontes kaufte die Firma und füllte in Lanzenhäusern unter anderem Schwepps ab, für dessen Herstellung sie die Abfülllizenz besass. In den späten siebziger Jahren verkaufte Unifontes, die inzwischen von Feldschlösschen übernommen wurde, die Abfüllanlagen der Haco. Zu jener Zeit weilte der damalige CEO Walter Oertli in den USA. Dort entdeckte er den Getreideriegel, wie er damals in Europa noch unbekannt war. Flugs war der Entscheid getroffen, in Ried, einem Weiler in Lanzenhäusern, Getreideriegel zu produzieren und die entsprechenden Anlagen zu beschaffen. Und weil in Ried fortan Nahrungsmittel hergestellt wurde, ist auch der Name Narida entstanden: Nahrungsmittel Ried AG.

 

1500 Produkte stellt Haco her. Die grosse Zahl ist damit zu erklären, dass es zum Beispiel bei der Kaffeerösterei sehr viele unterschiedliche Verfahren und Rezepte gibt. „Die Komplexität liegt im Verfahren, nicht beim Rezept“, verrät Marti. „Das Kaffee-Rösten ist eine Wissenschaft“. Das gilt insbesondere auch für das Entkoffeinieren. So kommen der Instantkaffee und die Getreideriegel auf einen Umsatzanteil von je 25 Prozent. Rund die Hälfte des in der Schweiz erzielten Umsatzes entfällt auf Saucen, Suppen und Würze.

Ein Drittel der Gesamtproduktion wird heute in der Schweiz verkauft; zwei Drittel werden exportiert, mit steigender Tendenz.

 

Unternehmergeist

 

«Herr Marti, Haco kreiert Rezepte für Lebensmittel.  Was ist das Rezept der Haco in der Unternehmensführung?» Der CEO nennt vier Punkte:

  1. -      die Konzentration auf Spezialitäten
  2. -      individuelle Lösungen für Kunden
  3. -      der Unternehmergeist: „Wir sind Unternehmer, keine Manager“.
  4. -      das stabile Aktionariat

Haco gehört den vier Unternehmerfamilien Oswald, Sarasin, Ehinger und Bally. Mittlerweile ist die vierte Generation am Ruder. Sie treten kaum öffentlich auf. Haco gilt als verschwiegen, ist aber nicht medienscheu, wie figura zeigt. Weltweit beschäftigt Haco 1400 Personen, davon 500 im Kanton Bern: in Gümligen, Lanzenhäusern und Utzenstorf.

 

Wie bei Familiengesellschaften üblich, gibt das Unternehmen keine Gewinnzahlen bekannt. Jedenfalls müssen Substanz und Ertragskraft beeindruckend sein, sonst hätte Haco die genannte Auslandstrategie nicht in diesem  Ausmass durchziehen können.

 

Erschienen am 23. Mai 2017 in «Made in Bern», einer Beilage der Berner Zeitung 

 

Claude Chatelain