Gopfried Stutz: Das Wetter wird wärmer, die Gesellschaft kälter

Gewiss, uns geht es gut: Das haben wir am Na­tionalfeiertag wiederholt hören und lesen können. Wer sich dennoch beklage, sei ein Jammeri.

Warum geht es uns Eidgenossen gut? Weil wir aus der Wirtschaft durchaus erfreuliche Nachrichten erhalten. Die Arbeitslosenquote fiel auf lächerliche 2,4 Prozent. Und dies, obschon die Schweiz noch immer eine Netto-Zuwanderung verzeichnet.

 

Bleiben wir bei dieser viel beachteten Arbeitslosenquote. Obschon wir wissen, dass sie nur die beim RAV Angemeldeten, nicht aber die Ausgesteuerten erfasst, wird sie wie ein Glücksbarometer verwendet. Dabei sagt die Arbeitslosenquote höchstens etwas über die Verfassung der Wirtschaft aus, nicht aber über das Befinden der Gesellschaft. Der Eidgenosse scheint sein Glück dennoch gern mit Wirtschaftskennziffern zu beschreiben.

 

Mich stört diese Zahlengläubigkeit. Das gilt insbesondere für das Wirtschaftswachstum: Wenn zwei Quartale in Folge ein negatives Wachstum aufweisen, spricht man von Rezession. Ich halte es mit dem Bonmot aus den USA;: Eine Rezession haben wir dann, wenn der Nachbar seinen Job verliert. Mit dieser Sichtweise kann man die Wirtschaftsflaute fühlen.

 

Arbeitsmarktexperten erklären uns gern mit Verweis auf die Statistik, dass ältere Arbeitnehmer nicht stärker von Arbeitslosigkeit  betroffen seien als jüngere. Nur: Was sagen mir die Zahlentabellen, wenn ich zig Leute kenne, die wegen fortgeschrittenen Alters keinen Job mehr finden?

 

Nehmen wir die IV. Es gibt immer weniger neue Rentnerinnen und Rentner. Aus wirtschaftlicher Sicht ist das höchst erfreulich, denn die IV ist auf bestem Weg, saniert zu werden. Geht es uns deshalb besser? Der Rückgang von Neurentnern ist zu einem wesentlichen Teil darauf zurückzuführen, dass es mehr braucht als früher, um eine IV-Rente zu erhalten.

 

Noch ein Beispiel unserer Wohlstandsverwahrlosung: Eines der grössten Probleme der IV ist die beängstigende Zunahme psychisch kranker Personen. Warum haben hierzulande immer mehr Menschen mit Depressionen und Burnout zu kämpfen, wenn es uns doch so gut geht? Weshalb sind immer mehr Pensionierte auf Ergänzungsleistungen angewiesen? Auch die Zahl der Sozialhilfebezüger, Flüchtlinge nicht einberechnet, nimmt laufend zu.

 

Eine mögliche Erklärung für dieses vermeintliche Paradox liefert der frühere Manager und heutige Buchautor Rolf Dobelli. In einem Interview sagte er, die freie Marktwirtschaft sei das beste System, um Wohlstand zu generieren. «Aber nicht das allerbeste, um Wohlstand zu verteilen.»

 

Wer sich nicht nur an der Zürcher Goldküste bewegt und sich auch mal an einen Stammtisch setzt, wird feststellen, dass einiges im Argen liegt. Meine völlig subjektive Wahrnehmung: Das Wetter wird wärmer; die Gesellschaft wird kälter.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 5. August 2018

Claude Chatelain