Gopfried Stutz: Das Handicap der Vollversicherer

Je länger der Umwandlungssatz überhöht bleibt, desto grösser das Risiko, dass noch andere Vollversicherer dem Beispiel der Axa folgen werden.

Wir wollen uns heute mit den zwei Welten in der beruflichen Vorsorge befassen. Die eine Welt ist die genannte Vollversicherung. Sie ist hoch aktuell, nachdem die Axa ihren Abschied aus diesem Modell angemeldet hat. Mit Bâloise, Swiss Life, Helvetia, Allianz Suisse und Pax bleiben somit noch fünf Anbieter, die den KMU Garantien bieten.  

 

Die andere Welt sind betriebseigene Pensionskassen sowie autonome Sammeleinrichtungen. Letztere bieten sich für KMU als Alternative zur Vollversicherung an. Sie heissen etwa Asga, Profonds, Prevas, Swisscanto oder Transparenta. Auch die Lebensversicherer führen solche Sammelstiftungen. Bekannt ist etwa die Vita der Zürich. 

 

Sicherheit kostet

 

Der augenfälligste Unterschied zwischen diesen zwei Welten besteht darin, dass die Lebensversicherer im Vollversicherungsmodell zu jeder Zeit in der Lage sein müssen, die heutigen und künftigen Verpflichtungen begleichen zu können, während Sammelstiftungen wie auch betriebseigene Pensionskassen in eine Unterdeckung geraten dürfen. Im Vollversicherungsmodell lasten die Risiken auf der Bilanz des Versicherers; bei den Sammelstiftungen tragen Arbeitgeber und Arbeitnehmer das Risiko.

 

Die genannte Garantie der vollen Deckung hat zur Folge, dass die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge im Vollversicherungsmodell konservativ angelegt werden müssen. Der Aktienanteil liegt bei etwa vier Prozent. Somit lassen sich im Vollversicherungsmodell nicht gleich hohe Renditen erzielen, wie wenn man 50 Prozent in Aktien investieren kann. Sicherheit hat ihren Preis.

 

Wie ein Fussballteam in Unterzahl

 

Das Problem liegt nun darin, dass die Vollversicherer auf der Einnahmenseite benachteiligt sind; auf der Ausgabenseite indessen den gleichen Vorgaben unterliegen wie die Sammeleinrichtungen. Das gilt für die gesetzliche Mindestverzinsung sowie für den gesetzlichen Mindestumwandlungssatz, mit dem das Kapital in eine Rente umgewandelt wird. Es ist, als dürfte die eine Fussballmannschaft nur mit sieben statt mit elf Spielern auflaufen.

 

Die Vollversicherer sind damit ungleich stärker vom überhöhten Umwandlungssatz betroffen als die autonomen Einrichtungen – eben weil sie an den Finanzmärkten nur geringe Renditen erzielen können. Schon vor acht Jahren hätte der Umwandlungssatz von 6,8 auf 6,4 Prozent gesenkt werden sollen. Doch die Linken ergriffen das Referendum. Auch die Altersreform 2020, mit welcher der Umwandlungssatz auf 6 Prozent gesenkt worden wäre, scheiterte im vergangenen Herbst an der Urne.

 

Als nun Baloise, Swiss Life und Helvetia in den zurückliegenden Wochen ihre Zahlen zum Geschäft mit der beruflichen Vorsorge präsentierten, bekannten sie sich ausdrücklich zum Vollversicherungsmodell. Doch wie lange noch? Je länger der Umwandlungssatz überhöht bleibt, desto grösser das Risiko, dass noch andere Anbieter dem Beispiel der Axa folgen werden. Zum Leidwesen vieler KMU.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 10. Juni 2018

Claude Chatelain