Gopfried Stutz: Vollgeld am Flohmi

Am Samstag war ich wieder einmal auf dem Zürcher Bürkliplatz. Beim Schlendern über den Flohmarkt sprach mich eine ältere Frau an: Ob ich schon über das Vollgeld abgestimmt habe.

«Nein», gab ich zur Antwort. Ich lehne die Initiative aber ab, ihren Prospekt brauche ich nicht.

Am anderen Ende des Flohmi sprach mich wieder eine Dame an, vom Typus ganz ähnlich wie die erste. Auch sie etwa in meinem Alter, vielleicht ein bisschen darüber. Beide vermittelten den Eindruck, sie hätten eine christliche Botschaft zu verkünden. Von der zweiten liess ich mich ins Gespräch verwickeln.

 

Die Misere unseres Finanzwesens werde doch mit der Vollgeld-Initiative nicht beseitigt, argumentiere ich. Das Problem sei doch, dass unsere Grossbanken viel zu gross seien, eben «too big to fail». Sie geht nicht darauf ein; bei der Vollgeld-Initiative gehe es um etwas anderes.

 

In ihrer Predigt fängt sie mit dem Jahr 1891 an, als die Herstellung privater Banknoten verboten wurde. Seither dürfe nur noch die Nationalbank Banknoten drucken. Heute aber sei die Realität eine andere. Der grösste Teil der Geldmenge sei nicht von der Nationalbank geschaffen worden, sondern von den Geschäftsbanken. Das wüssten die Leute gar nicht.

 

Ob sie denn ihrerseits wisse, dass es die Nationalbank war, die den Markt mit Franken überschwemmte, nur um unsere Währung zu schwächen. Auch auf diese Frage geht sie nicht ein. Bei einem Ja zur Vollgeld-Initiative müsste sich die Nationalbank anders verhalten, meint sie. Eine andere Philosophie würde Einzug halten, dann wäre es vorbei mit diesem ewigen Wachstum.

 

Aha. Das ist es also, was mir die Frau damit sagen will: dass es bei der Vollgeld-Initiative um etwas anderes gehe. Sie ist eine Wachstumskritikerin.

 

In diesem Punkt bin ich ganz bei ihr. Auch ich finde es fatal, wie sehr unsere Gesellschaft von der Idee des ständigen Wachstums besessen ist. Nur sehe ich nicht, was ein Ja zur Vollgeld-Initiative daran ändern sollte.

 

Lieber hätte ich mit der Dame über das wirkliche Problem gesprochen – über jenes «Too big fo fail» – und ihr gesagt, dass die Schweiz dem Bankverein und der Bankgesellschaft nie hätte erlauben dürfen, zur UBS zu fusionieren, damit derart monströs und für das Funktionieren der Wirtschaft unentbehrlich zu werden. Wenn der Finanzplatz in der Schweiz ein Risiko habe, dann dieses.

 

Ich hätte ihr auch gern erzählt, wie die USA anno 1911 Standard Oil zerschlugen und später AT & T in die sogenannten Baby Bells aufspalteten: weil der Erdölkonzern und der Telekom-Gigant einfach zu mächtig geworden waren. Und: dass auch unsere Grossbanken zu mächtig sind.

 

Warum ich ihr das alles nicht erzählt habe? Sie wollte mir einfach nicht zuhören.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 3. Juni 2018

Claude Chatelain