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Gopfried Stutz: Wenn die Versicherung glücklich macht

Paul Weibel ist stolz, einen 101-Jährigen als seinen ältesten Kunden zu wissen.
Paul Weibel ist stolz, einen 101-Jährigen als seinen ältesten Kunden zu wissen.

Immer wieder steht in Konsumentenzeitschriften zu lesen, wie sich gutgläubige Menschen zum Abschluss einer Sparversicherung überreden lassen und dies später bitterlich bereuen. Heute, am Fest der Hoffnung, wollen wir über einen Fall berichten, bei dem es nichts zu bereuen gibt.

Immer wieder steht in Konsumentenzeitschriften zu lesen, wie sich gutgläubige Menschen zum Abschluss einer Sparversicherung überreden lassen und dies später bitterlich bereuen. Heute, am Fest der Hoffnung, wollen wir über einen Fall berichten, bei dem es nichts zu bereuen gibt.

 

Neulich fragte ich Paul Weibel, Leiter Privatkundengeschäft Swiss Life Schweiz, wann die älteste Versicherungspolice abgeschlossen worden ist, die er noch im Portefeuille hat. «1918», sagte er. Ich glaubte, mich verhört zu haben. Das ist der Jahrgang meines Vaters, der vor einem Monat den 100. Geburtstag hätte feiern können (oder müssen, je nach Standpunkt).

Der Inhaber dieser historischen Police ist 1917 geboren worden. Ein Jahr später schloss sein Grossvater eine Lebensversicherung für ihn ab. Sie sah vor, dass dem Einjährigen vier Dekaden später eine Rente von 1000 Franken pro Jahr ausbezahlt wird, lebenslänglich. Aufgeschobene Leibrente nennt man dies.

 

Für diese Versicherung zahlte der Grossvater vor 100 Jahren 4400 Franken. Und seit 1959 bezieht der glückliche Swiss-Life-Kunde, inzwischen 101 Jahre alt, alle zwölf Monate 1000 Franken; mittlerweile addiert sich die Summe seiner Bezüge auf beachtliche 60 000 Franken.

Was lernen wir daraus? Sicher einmal, dass es Versicherungsgesellschaften mitunter auch schaffen, Kunden glücklich zu machen. Wobei man in der heutigen Zeit von Leibrenten, wie sie der 101-jährige Swiss-Life-Kunde bezieht, doch lieber Abstand nimmt.

 

Leibrentenversicherungen sind zu empfehlen, wenn das Renteneinkommen aufgebessert werden soll, zum Beispiel, weil man keine Pensionskasse hat. Das Prinzip ist einfach: Man bezahlt der Versicherung eine Prämie und erhält als Gegenleistung eine Rente ausbezahlt – lebenslänglich.

 

Das Problem liegt nun darin, dass die garantierte Rente als Folge der absurd tiefen Zinsen äusserst mager ausfällt. Dazu ein Beispiel: Zahlt ein 65-jähriger Mann der Swiss Life eine einmalige Prämie von 300 000 Franken, so erhält er bis ans Lebensende jährlich eine Rente von 10 121 Franken, garantiert. Die Summe muss er zu 40 Prozent als Einkommen versteuern.

 

Nun könnte der Mann seine 300 000 Franken genausogut zinsfrei anlegen und jedes Jahr 10 121 Franken vom Konto abheben. Das wäre ihm 29 Mal möglich, also bis zum 94. Lebensjahr. Im Unterschied zur Leibrente ist dieses Vorgehen erst noch steuerfrei.

Swiss Life stellt zwar noch Überschüsse in Aussicht. Inklusive dieser Beträge würde sie jährlich eine Rente von 12 591 Franken auszahlen – wobei die Überschüsse allerdings nicht garantiert sind.

 

Trotzdem mache ich die gleiche Rechnung wie vorhin: Beziehe ich von den 300 000 Franken jährlich 12 591 Franken, so reicht das Geld immer noch für knapp 24 Jahre, also bis zum 89. Altersjahr.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 20. Mai 2018

Claude Chatelain