Gopfried Stutz: Zum Weckruf der CSS-Chefin

Philomena Colatrella, die Chefin der CSS nimmt kein Blatt vor den Mund.
Philomena Colatrella, die Chefin der CSS nimmt kein Blatt vor den Mund.

Philomena Colatrella hat nicht allen Freude bereitet. Man müsse über eine Erhöhung der Mindestfranchise auf 5000 oder 10'000 Franken nachdenken, sagte die Chefin der Krankenkasse CSS vergangene Woche im SonntagsBlick. Dies bei einer gleichzeitigen Senkung der Prämie und einer sozialen Abfederung für die sozial Schwächeren. Der Weckruf ist ihr gelungen.

 

Ob die Idee gut ist und die Rechnung aufgeht, weiss ich nicht. Mich stört aber, wie nun gewisse Politikerinnen und Politiker aufheulen und sich als Anwälte der Versicherten aufspielen. Gerade die Gesetzgeber aus Bundesbern sollten sich mit Kritik in dieser Sache zurückhalten. Sie sind es doch, die sich von Lobbyisten füttern lassen und ein mit Fehlanreizen durchsetztes Gesundheitswesen gezimmert haben.

 

Eine Aufzählung der Fehlanreize wäre länger als diese Kolumne. Nehmen wir nur das Problem der Spitalfinanzierung: Wird eine Person ambulant operiert, zahlt die Krankenkasse alles. Bleibt der Patient über Nacht im Spital, übernehmen die Versicherer nur noch 45 Prozent der Kosten, die Kantone zahlen 55 Prozent. Die Krankenkassen haben also alles Interesse daran, dass die Versicherten stationär behandelt werden, denn dann müssen sie die Kosten nicht allein tragen. Bei den Kantonen verhält es sich gerade umgekehrt. Seit über zehn Jahren diskutieren Politiker über eine einheitliche Finanzierung. Bisher ohne Erfolg.

 

Auch mit uns Prämienzahlenden habe ich wenig Mitleid. Immer wenn der Gesundheitsminister im Herbst abermals eine Erhöhung der Krankenkassenprämien bekannt gibt, schreien Konsumentenschützer lauthals auf. Doch lediglich sechs Prozent der Versicherten machen sich die Mühe, zu einem günstigeren Anbieter der obligatorischen Grundversicherung zu wechseln. Die faulste aller faulen Ausreden, die mir jeweils zu Ohren kommt: «Alle Jahre die Krankenkasse zu wechseln, ist mir zu mühsam!» Bitte sehr: Ein Brief an die bisherige Kasse; ein zweiter Brief an die neue Kasse – und mit diesen zwei Schreiben hat man Hunderte von Franken im Jahr gespart!

 

Am 17. Juni 2012 stimmten wir über die Managed-Care-Vorlage ab. Damit hätte das Kostenwachstum im Gesundheitswesen gebremst werden können. Das Schweizer Volk wollte davon nichts wissen: 76 Prozent, also drei von vier Urnengängern, unterstützten das gegnerische «Komitee für eine freie Arztwahl». Geht es darum, gewisse Leistungen einzuschränken, will man vom Sparen plötzlich nichts mehr wissen. Gerade der Luxus der freien Arztwahl kostet uns Unmengen an Geld.

 

Man darf sich sehr wohl gegen unliebsame Sparvorschläge auflehnen. Nur ist es dann inkonsequent, gleichzeitig kleine Leistungseinschränkungen wie bei der Managed-Care-Vorlage abzulehnen und im Herbst die geringe Mühe des Wechsels zu einer günstigen Kasse oder zu einem Sparmodell zu scheuen.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 22. April 2018

Claude Chatelain