Gopfried Stutz: Zum Ausstieg der Axa aus der Vollversicherung

Die Gewerkschaften haben einen Teilsieg errungen: Die Axa, ein ganz Grosser der Branche, zieht sich aus dem Vollversicherungsgeschäft der beruflichen Vorsorge zurück. Der von Paris gelenkte Konzern will im Geschäft mit der zweiten Säule nur noch die Risiken Tod und Invalidität versichern. Das Risiko, mit Aktien, Obligationen und Immobilien Verluste zu erzielen, schiebt sie auf die Versicherten ab. So wollten es die Gewerkschaften. Sie meinen, börsenkotierte Versicherungskonzerne hätten in der zweiten Säule nichts verloren.

 

Falls Sie, liebe Leser, bei der Migros, bei Novartis, einer Grossbank oder der Bundesverwaltung beschäftigt sind, braucht Sie das nicht zu kümmern. Stehen Sie aber bei einem KMU unter Vertrag, dem Rückgrat unserer Wirtschaft, kann Ihnen der Ausstieg der Axa nicht schnuppe sein.

 

Lassen Sie mich erklären: In der zweiten Säule kennen wir drei Typen von Vorsorgeeinrichtungen:

 

Erstens die betriebseigenen Pensionskassen, wie sie die grossen Konzerne mit Hunderten und Tausenden Beschäftigten führen, auch autonome Pensionskassen genannt.

 

Zweitens die Sammelstiftungen, denen sich die KMU anschliessen können. Sie heissen etwa Asga, Swisscanto, Transparenta, Profonds oder Vita. Auch die Lebensversicherer führen solche Sammelstiftungen.

 

Drittens das Vollversicherungsmodell der Lebensversicherer, von dem sich die Axa nun verabschieden will. Jeder vierte Arbeitnehmer in der Schweiz ist nach diesem Modell versichert.

 

Beim Vollversicherungsmodell garantiert der Versicherer zu jeder Zeit eine volle Deckung. Im Unterschied zu autonomen Pensionskassen oder Sammeleinrichtungen gehen Arbeitnehmer und Arbeitgeber hier nicht das Risiko ein, bei fehlendem Kapital Sanierungsbeiträge leisten zu müssen.

 

Diese volle Deckung ist gerade für Gewerbetreibende sehr komfortabel; allerdings hat dieses Modell seinen Preis. Um stets volle Deckung garantieren zu können, müssen die Vollversicherer mit den Sparbeiträgen sehr behutsam umgehen. Der Aktienanteil liegt deutlich unter zehn Prozent.

 

Kaum hatte Axa am vergangenen Dienstagmorgen ihren Rückzug bekannt gegeben, erklärte der Lebensversicherer Swiss Life in einem Communiqué, «weiterhin für die unabdingbaren und umfassenden Garantien für die Schweizer KMU in der zweiten Säule» einzustehen. Garantien, wie sie in der Vollversicherung erbracht würden, seien für die soziale Sicherheit in der Schweiz von fundamentaler Bedeutung.

 

 

Das hören wir gerne. Es ist halt ein Unterschied, ob ein Versicherungskonzern von Paris aus gelenkt wird und einzig und allein dem Aktionärsinteresse huldigt. Oder ob er – wie eben Swiss Life – in der Schweiz verwurzelt ist, traditionell von Schweizern geführt wird und deshalb gegenüber dem Werkplatz Schweiz auch eine gewisse Verantwortung wahrnimmt.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 15. April 2018

 

 

LESERBRIEF

Claude Chatelain, den ich als Publizist des SonntagsBlick schätze, kritisiert den Ausstieg der AXA aus dem Vollversicherungsgeschäft der beruflichen Vorsorge. Dieses Modell ist für sehr viele Gewerbebetriebe und ihre Angestellten äusserst wichtig, garantiert doch der Versicherer zu jeder Zeit die volle Deckung in der beruflichen Altersvorsorge. Im zu Recht kritischen Beitrag Chatelains fehlt der Hinweis auf die falschen gesetzlichen Rahmenbedingungen in der 2. Säule: starre Anlagebestimmungen und der zu

hohe gesetzliche Umwandlungssatz. Dieser sollte längst den verlängerten Lebenszeiten angepasst werden. Diese Rahmenbedingungen dürften meines Erachtens wohl mehr zum Entscheid der obersten AXA-Chefetage geführt haben als – wie im Kommentar geschrieben – die Tatsache, dass der Versicherungskonzern von Paris aus gelenkt wird und allein dem Aktionärsinteresse huldigt.

 

Norbert Hochreutener, alt Nationalrat


Claude Chatelain