Sammeln geht auch ohne Zewo

Die Zertifizierer versprechen den Spendern eine Qualitätsgarantie. Mehrere grosse Stiftungen sind mit den Bedingungen nicht einverstanden.

Die Zewo wirbt für von ihr zertifizierte Institutionen mit dem Slogan: «Ich spende nur seriösen Hilfswerken.» Doch wie seriös ist Zewo selber?

 

Stiftungsratspräsident Kurt Grütter sitzt gleichzeitig im Vorstand von Caritas. Stiftungsrat Peter Niggli ist im Vorstand von Helvetas tätig und als Stiftungsrat von Fastenopfer. Stiftungsrat Gian-Reto Raselli leitet das Marketing bei WWF Schweiz. Der Stiftungsrat von Zewo ist also mit Leuten durchsetzt, deren Institutionen sich von der Zewo begutachten lassen.

Interessant in diesem Zusammenhang: Einer der 21 Zewo-Standards verlangt, dass Interessenkonflikte vermieden werden müssen.

 

Geschäftsleiterin Martina Ziegerer wehrt sich. «Im neunköpfigen Stiftungsrat der Zewo sind neben einer Mehrheit von unabhängigen Personen bewusst auch Vertreter wichtiger Anspruchsgruppen repräsentiert», sagt sie. Und: «Die von der Eidgenössischen Stiftungsaufsicht bewilligten Statuten regeln die Zusammensetzung.» Die verlangten explizit, dass Spenden sammelnde Organisationen im Stiftungsrat vertreten seien.

 

«Für mich ist die Unabhängigkeit eines Zertifizierers von grösster Bedeutung», meint hingegen Bernhard Metzger, Geschäftsleiter von World Vision Schweiz. So setzt seine Organisation bewusst auf international bekannte Qualitätsmerkmale wie etwa ISO-9001, die durch die Schweizerische Vereinigung für Qualitäts- und Managementsysteme (SQS) erteilt wird. Auch Unicef Schweiz lässt nach ISO zertifizieren – und nicht durch die Zewo.

 

Nichts von Zewo wissen wollen auch Médecins Sans Frontières (MSF) und Heilsarmee. Holger Steffe, Leiter Spenden bei der Heilsarmee: «Die Stiftung Heilsarmee Schweiz weist in der Schweiz eine lange humanitäre Tradition auf und geniesst daher bei der hiesigen Bevölkerung auch ohne Gütesiegel grosses Vertrauen.»

 

Grosses Vertrauen in der Bevölkerung kommt indes auch Médecins Sans Frontières zugute. «Unabhängigkeit und Handlungsfreiheit sind seit der Gründung elementar», sagt ein Sprecher. Die Zewo verlange, dass die grossen Organisationen ihre Sammlungen im Kalender der Zewo koordinierten und regulierten. Jede Organisation erhält innerhalb jedes Kalenderjahres maximal drei Sammelzeiten.

 

Diesem Prozedere will sich MSF nicht unterordnen. Für sie als Nothilfeorganisation sei es besonders wichtig, frei im Umgang mit Spenden bleiben zu können und sich nicht an einen bestimmten Rhythmus halten zu müssen. «So können wir auch kurzfristige Spendenaufrufe bei Notfällen tätigen.»

 

Doch häufig sind es die Kosten, die zum Verzicht auf die Zewo-Zertifizierung führen. Laut Steffe ist das Verfahren mit einem erheblichen administrativen und personellen Mehraufwand verbunden. Die jährliche Gebühr beträgt zwischen 500 und 13 000 Franken. Und die Zertifizierung kostet laut Zewo erfahrungsgemäss 5000 Franken. «Die Kosten stehen aus unserer Sicht in keinem Verhältnis zum Nutzen», urteilt Holger Steffe von der Heilsarmee.

 

Bekannte Hilfswerke mit langer Tradition dürften kaum auf eine Zewo-Zertifizierung angewiesen sein, kleinere, weniger bekannte dagegen schon. Dennoch verzichtet Chachachi (Chance and Change for Children) aus Heiligenschwendi BE bewusst auf eine Zertifizierung durch Zewo, «da wir die Spendengelder ausschliesslich für die Kinder in Kenia und nicht für die Aufnahmekosten und die wiederkehrenden Gebühren der Zewo verwenden wollen», erklärt Vereinsgründerin und Geschäftsführerin Heidi Brenner auf Anfrage.

 

MSF Schweiz macht zudem darauf aufmerksam, dass 92 Prozent der Ausgaben für die Erfüllung des sozialen Auftrags verwendet werden, fünf Prozent für das Fundraising, drei Prozent für Verwaltung und Administration. Die Zewo ist diesbezüglich weniger streng: Bis 25 Prozent dürfen die zertifizierten Werke für Fundraising und Werbung ausgeben. Nur 65 Prozent müssen dabei zwingend in Projekte fliessen.

 

Zewo und die Steuerabzüge

«Spenden können sowohl bei der direkten Bundessteuer wie auch bei den Kantons- und Gemeindesteuern abgezogen werden, sofern sie an ein Zewo-zertifiziertes Hilfswerk erfolgt sind.» Dieser Satz ist falsch oder zumindest irreführend. Zu lesen ist er auf ch.ch, dem Onlineportal der Schweizer Behörden. Um eine Spende steuerlich geltend machen zu können, ist es keinesfalls zwingend vorausgesetzt, dass die betreffende Institution bei der Stiftung Zewo zertifziert ist. Massgebend ist vielmehr, dass die gemeinnützige Organisation selbst von der Steuerpflicht befreit ist.

 

Eine Zewo-Zertifizierung ist dazu nicht vonnöten. Und als Steuerzahler möchte man nur wissen, ob die Organisation, der man eine Spende überweist, von der Steuerpflicht befreit ist und man die Zuwendung abziehen kann. Die kantonalen Steuerverwaltungen führen dazu zwar eine Liste. Häufig aber sind darauf nur Organisationen zu finden, die ihren Sitz im entsprechenden Kanton haben. Im Kanton Bern zum Beispiel sind Heilsarmee oder auch World Vision nicht auf der Liste zu finden – und doch darf man Zuwendungen an diese Institutionen vom steuerbaren Einkommen abziehen.

 

 

Erschienen im SonntagsBlick am 1. April 2018


Claude Chatelain