Gopfried Stutz: Bitcoins sind für Spekulanten, nicht für Anleger

Clödu, was hältst du eigentlich von Bitcoins?». Warum um Gottes willen wird mir diese unsägliche Frage gestellt? Zu Blackjack, Poker oder Roulette werde ich schliesslich auch nicht befragt. Man sollte wissen, dass ich vom Gambling keine Ahnung habe. Der Hollywoodstreifen «Molly’s Game» über die Geschichte der Pokerprinzessin Molly Bloom vermochte meine Wissenslücke in Sachen Glücksspiel auch nicht zu füllen.

 

 

Ein Mathematik-Student hat mir kürzlich erklärt, wie man im Casino gewinnen kann. Das geht so: Man setzt 100 Franken auf Rot. Gewinnt man, geht man mit dem Gewinn heim. Verliert man, setzt man 200 Franken auf Rot. Wieder das gleiche Spiel wie vorher: Beim Gewinn heisst es Tschüss, beim Verlust macht man den doppelten Einsatz auf die gleiche Farbe.

 

Irgendeinmal wird die Kugel auf Rot landen. Der Student rechnete mir vor, dass man mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,999999 Prozent nur gewinnen könne. Hat er recht? Ich habs doch gesagt: Vom Gambeln habe ich keine Ahnung.

 

Das Handeln mit Bitcoins hat für mich den Charakter eines Glücksspiels. Nobler ist der Begriff Spekulation. Wobei in gewissen Fällen Bitcoins und andere Kryptowährungen durchaus einen Nutzen stiften. Zum Beispiel für Zahlungen im Darknet, einem anonymen Tummelfeld für Gauner. Auch das ist ein Bereich, in dem mir jegliche Erfahrung abgeht.

 

Mehr glaube ich davon zu verstehen, weshalb Kryptowährungen einen beängstigenden Aufschwung erleben. Es ist unter anderem die verantwortungslose Schuldenwirtschaft der westlichen Staaten. Es wird unmöglich sein, all diese Schulden zum heutigen Wert zurückzuzahlen. Also müssen sie weginflationiert werden. Wenn die Preise steigen, also wenn wir eine Inflation haben, so verliert das Geld seinen Wert.

 

Wobei wir schon heute eine verheerende Entwertung des Geldes beobachten. Die Notenbanken überfluten den Markt mit Dollars, Euros, Franken und Yen. Investoren können es fast gratis haben; man zahlt kaum mehr Zinsen dafür. Und in gewissen Fällen ist der Zins sogar negativ. Dass dadurch das Vertrauen in eine Währung flöten geht, ist wohl kaum eine Überraschung. Was nichts kostet, ist nichts wert.

 

So gesehen kann man nachvollziehen, weshalb gewisse Leute nach Alternativen suchen. Paolo Buzzi von der Swissquote Bank betrachtet den Hype in Kryptowährungen «als eine Art Auflehnung gegen das Establishment».

 

Doch die Tatsache, dass der Markt für Kryptowährungen starken Schwankungen unterworfen ist, lässt zumindest bei mir Zweifel aufkommen, ob Bitcoins und Konsorten das Zeug dazu haben, um auf breiter Front Vertrauen zu gewinnen.

 

Oder wie es die deutsche Vermögensverwaltungsgesellschaft Flossbach von Storch formuliert: «Bitcoins und andere Kryptowährungen könnten allenfalls das Herz des Spekulanten erfreuen, der den schnellen Reichtum sucht. Sie sind aber nur bedingt als langfristige Wertspeicher geeignet.»

 

Erschienen im SonntagsBlick am 25. März 2018

Claude Chatelain