Gopfried Stutz: Vom Abzug für Kinderbetreuungskosten profitieren die Bessergestellten

Vergangene Woche bat mich die Kollegin: «Kannst du mir einen Steuerexperten empfehlen?» Dabei ist sie weder Firmeninhaberin oder selbständig, noch besitzt sie eine Wohnung. Aber sie hat ein Kind – und unverheiratet ist sie auch.

Immer mehr Leute fühlen sich ausserstande, die Steuererklärung  selber auszufüllen. Wenn sie die Zeit aufwenden würden, um sich mit der komplizierten Materie auseinanderzusetzen, wären zwar ­viele dazu in der Lage. Aber es stinkt ihnen – wie auch meiner Kollegin. Die Steuer­berater freut das.

 

Politiker erliegen gern dem Hang, allen möglichen Sonderfällen gerecht zu werden, damit ihre jeweilige Klientel zufrieden ist. Die Folge: eine Flut von Abzügen, die Steuerrechnungen erheblich entlasten können.

 

So etwa der Abzug für Kinderbetreuungskosten. Der Kanton Aargau hat ein zehnseitiges Merkblatt allein zu diesem einen Punkt verfasst. Wichtige Unterpunkte: Der Abzug kann nur bis zum 14. Altersjahr des Kindes ­vorgenommen werden; die Person, die das Kind betreut, muss mindestens 16 Jahre alt sein; die Kosten für Drittbetreuung müssen nachgewiesen werden und die Eltern während der Drittbetreuung einer Erwerbstätigkeit oder Ausbildung nachgehen.

 

Dieser Abzug ist nicht unumstritten, weil sich Mütter und Väter diskriminiert fühlen, wenn sie dem Kind zuliebe keine Fremdbetreuung wollen, stattdessen zu Hause bleiben und auf das Einkommen verzichten, das sie als Doppelverdiener erzielen könnten.

 

Bei der direkten Bundessteuer ist dieser Abzug besonders grosszügig gestaltet: maximal 10'100 Franken pro Kind. Die Kantone müssen den Abzug ebenfalls gewähren, dürfen die Höhe aber selbst bestimmen. Im Wallis zum Beispiel beträgt er maximal 3000 Franken.

 

Nun möchte der Bundesrat den höchstmöglichen Abzug mehr als verdoppeln: von 10'500 auf 25'000 Franken. Zudem will er die Kantone verpflichten, einen Steuerabzug von mindestens 10'000 Franken zu gewähren. Das erklärte er im vorletzten Herbst. Im letzten Frühjahr gabs eine Vernehmlassung dazu. In wenigen Wochen dürfte die Botschaft erscheinen. Dann geht die Vorlage ins Parlament.

 

Ich habe die Vernehmlassungsantworten kurz überflogen – und es scheint klar zu sein: Der Bundesrat wird an der Erhöhung des Abzugs bei der direkten Bundessteuer festhalten. Vergessen muss er wohl seine Idee, die Stände zur Anhebung des Abzugs für die Kinderbetreuungskosten bei der Kantonssteuer auf mindestens 10'000 Franken zu verpflichten. Zu stark ist die Opposition dagegen.

 

Wenn also in Zukunft der Abzug für Kinderbetreuungskosten bloss bei der Bundessteuer, nicht aber bei der Gemeinde- und Kantonssteuer angehoben wird, profitieren nur die Bessergestellten: Jede zweite Familie zahlt so oder so keine direkte Bundessteuer.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 4. März 2018

Claude Chatelain