Gopfried Stutz: Renten früher beziehen - oder etwas später?

Hahaha. Raiffeisen erteilt mir Nachhilfestunden im Sozialversicherungsrecht.
Hahaha. Raiffeisen erteilt mir Nachhilfestunden im Sozialversicherungsrecht.

Die Raiffeisenbank Worblen-Emmental schrieb mir einen freundichen Brief: «Bald dürfen Sie sich nach vielen Arbeitsjahren etwas zurücklehnen und haben Anspruch auf die AHV-Rente.» Zudem hiess es, das schweizerische Sozialversicherungssystem arbeite nur mit Nummern, also ohne Adressen, sodass ich die Rente bei meiner Ausgleichskasse mindestens drei Monate im Voraus geltend machen müsse.

Das amtliche Formular «Anmeldung für eine Altersrente» war dem Brief beigelegt: «Sollten beim Ausfüllen Fragen auftauchen, sind wir Ihnen gerne behilflich. Kommen Sie doch einfach an unseren Schalter.»

 

Hahaha! Raiffeisen will mir Nachhilfestunden im Sozialversicherungsrecht geben. Woher wissen die, ob ich mich überhaupt zurücklehnen will, die Rente nicht schon beziehe oder aufschieben möchte?

 

Die Altersreform 2020, die eine grössere Flexibilisierung vorgesehen hatte, wurde zwar an der Urne abgelehnt. Doch schon heute kann man die AHV-Rente zwei Jahre vorbeziehen – Männer mit 63, Frauen mit 62 Jahren. Der Abzug für den Frühbezug beträgt pro Jahr 6,8 Prozent.

 

Man kann die Rentenzahlung aber auch aufschieben – um mindestens ein Jahr, maximal fünf Jahre. Gerade in meinem Fall wäre das vielleicht gar nicht so dumm: Ich gebe noch bis 70 Vollgas, um danach statt mit Firmensprechern nur noch mit dem Golfschläger zu hadern, was bei meinem erbärmlichen Talent und himmeltraurigen Handicap unausweichlich sein dürfte. Denn wenn ich neben der Pensionskassenrente und dem Erwerbseinkommen auch noch die AHV-Rente versteuern muss, gerate ich in eine steile Progression.

 

Bei einem Aufschub um fünf Jahre erhöht sich meine Rente um 31,5 Prozent. Somit erhielte ich, sofern ich überhaupt Anspruch auf eine maximale Vollrente habe, 3090 statt 2350 Franken pro Monat.

 

Zurück zu Raiffeisen. Im Brief empfiehlt mir die Leiterin der Geschäftsstelle Ittigen, «bei uns ein spesenfreies Mitglieder-Privatkonto zu eröffnen». Das Wort «spesenfrei» klingt in der heutigen Zeit wie Musik. Zudem wird ein Museumspass offeriert und Tickets für die Sonntagsspiele der Fussballmeisterschaft wären zum halben Preis zu haben. Ein verlockendes Angebot jetzt, wo YB endlich auf Meisterkurs ist!

 

Was freilich nirgends steht: «Mitglied» ist nur, wer Genossenschafter wird. Das kostet 200 Franken. Immerhin wird der Genossenschaftsschein mit drei Prozent verzinst.

 

Ebenfalls wichtig zu wissen: Die Nachschusspflicht für Genossenschaftsmitglieder ist vor vier Jahren abgeschafft worden. Heute haften nicht mehr die Genossenschafter, sondern der Staat. Nicht explizit, aber implizit, denn die Raiffeisenbanken gelten als «too big to fail». Das haben wir dem früheren Raiffeisenboss Pierin Vincenz zu verdanken. Es war eines seiner letzten Husarenstücke. Aber das ist eine andere Geschichte...

 

Erschienen im SonntagsBlick am 18. Februar 2018

Claude Chatelain