Gopfried Stutz: Kleinanleger dürfen auf weitere Kursverluste hoffen

Seit wann werden Kursverluste in Punkten angegeben – und nicht mehr in Prozent? Seit vergangenem Montag. 1100 Punkte verlor der Dow Jones an einem einzigen Tag, so viel wie nie zuvor. Das tönt dramatischer als das Minus von 4,5 Prozent. Beim Börsenkrach vom Oktober 1929, der die Grosse Depression auslöste, konnte der Dow gar nicht so viele Punkte verlieren. Vor dem Crash stand er lediglich auf 331 Punkten.

Den grössten Tagesverlust – damit dies auch noch gesagt sei – verzeichnete der Dow Jones am Schwarzen Montag vom 19. Oktober 1987: minus 22,6 Prozent. Im Vergleich dazu sind die 4,5 vom Montag oder die 4,1 Prozent vom Donnerstag Peanuts.

 

Doch wenden wir uns der Frage zu, weshalb die Aktienmärkte überhaupt so nervös sind. Der Hauptgrund liegt bei den Zinsen: Steigen sie stärker als erwartet, geraten die Kurse unter Druck. Womit wir bei der nächsten Frage sind: weshalb Aktien auf Zinsschwankungen reagieren. Dass eine starke Konjunktur Aktienkurse zu beflügeln vermag, leuchtet ein. Warum aber sind höhere Zinsen für sie Gift?

 

Die Antwort lautet: Weil höhere Zinsen Obligationen wieder attraktiver machen. Wenn diese attraktiver werden, bauen Investoren Aktienbestände ab und bauen stattdessen ihr Obligationenportefeuille aus. Mit dem Verkauf von Aktien sinkt die Nachfrage, die Preise geraten unter Druck. So einfach ist das.

 

Ein solches Marktgeschehen ist die grosse Chance von uns Kleinanlegern. Wer Aktien wegen der üppigen Dividende kauft, dem kann es schnuppe sein, ob der Kurs vorübergehend einen Taucher macht. Gemessen am Kurs vom 1. Februar – also vor den jüngsten Kursverlusten – hatte die Zürich Versicherung eine Dividendenrendite von 5,5 Prozent; Swiss Re rentierte 5,3, Swisscom 4,3 und Roche 3,6 Prozent. Auch Swiss Life, UBS und Novartis kamen auf Renditen von über drei Prozent. Die Dividende in Prozent des bezahlten Kurses ergibt deren Rendite. Diese Renditen sind dank der jüngsten Korrektur sogar noch höher, wenn man die Papiere zu den heutigen Kursen kauft.

 

Wenn nun gesagt wird, Anlegerinnen und Anleger würden nervös und fürcheten sich vor weiteren Verlusten, so betrifft dies vorab Finanzchefs, Pensionskassen, Fondsmanager und andere institutionelle Investoren. Wenn Börsenverluste zu Buche schlagen, müssen sie beim Verwaltungsrat oder Stiftungsrat antraben. Dies ist vor allem dann unangenehm, wenn die Mitbewerber eine bessere oder weniger schlechte Performance erzielten.

 

Solche Probleme kennen wir Kleinanleger nicht. Darum können wir nur hoffen, dass die Kurse weiter fallen und wir die Dividendenpapiere zu Schnäppchenpreisen ergattern können.

Buchverluste müssen wir gegenüber niemandem rechtfertigen – höchstens gegenüber der Familie. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 11. Februar 2018

Claude Chatelain