Gopfried Stutz: Über den wahren Rentenklau

Der dritte Beitragszahler ist nicht tot. So stands am 26. November hier zu lesen – was für gehässige Reaktionen sorgte. Nur kurz zur Klärung der Begriffe: Der Arbeitgeber ist der erste, der Arbeitnehmer der zweite Beitragszahler der Pensionskassen. Wenn die ihre Gelder in Aktien, Obligationen oder Immobilien anlegen, fliessen Zinsen und Dividenden. Sie sind der dritte Beitragszahler.

Dieser Dritte bescherte den Kassen in den letzten fünf Jahren eine Rendite von rund fünf Prozent. Und das war der Befund, der für böses Blut sorgte. Es sei eine Frechheit, so hiess es, das Guthaben nur zu einem Prozent zu verzinsen, wenn die Finanzmärkte doch fünf Prozent hergeben.

 

Tatsächlich wurde der garantierte Zins auf dem obligatorischen Guthaben Anfang 2017 von 1,25 auf ein Prozent gesenkt. Und trotz guter Renditen der letzten Jahre hält der Bundesrat auch für 2018 an dieser tiefen Verzinsung fest. Wie die Gelder im Überobligatorium zu verzinsen sind, ist Sache der Rentenkassen.

 

Freilich sollte man bei aller berechtigten Empörung nicht auf die Vorsorgeeinrichtung böse sein, sondern – wenn schon – auf die Gewerkschaften. Sie nämlich kämpfen seit jeher gegen eine Senkung des gesetzlichen Umwandlungssatzes. Am 7. März 2010 verhinderten sie an der Urne eine Verringerung von 6,8 auf 6,4 Prozent – mit einer Mehrheit von 72,7 Prozent.

Daher sind die Pensionskassen gezwungen, ihr Kapital weiterhin zu 6,8 Prozent umzuwandeln. Auf ein Kapital von 100 000 Franken ergibt das eine jährliche Rente von 6800 Franken.

 

Dumm nur, dass die Rechnung für die Kassen nicht mehr aufgeht. Weil die Lebenserwartung steigt, müssen viele Renten länger bezahlt werden. Weil der Umwandlungssatz aber zu hoch ist, reicht das Geld dafür nicht aus.

 

Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Die Vorsorgeeinrichtungen sind gezwungen zu stehlen – und zwar bei den aktiv Versicherten, also bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Das geschieht, indem unser Rentenguthaben nur zu müden ein Prozent verzinst wird. Und was von dem besagten dritten Beitragszahler übrig bleibt, wird zur Kompensation des überhöhten Umwandlungssatzes verwendet.

 

Dies ist zwar nicht im Sinne des Erfinders, aber durchaus im Sinne des Stimmbürgers. Das Resultat vom März 2010 habe ich bereits erwähnt. Aber auch die Abstimmung vom Herbst letzten Jahres fand im Volk keine Mehrheit – unter anderem deshalb, weil dann der Umwandlungssatz auf sechs Prozent gesenkt worden wäre.

 

Die Gewerkschaften bezeichneten die Senkung des Umwandlungssatzes als Rentenklau. Doch der wahre Rentenklau geschieht, indem der Umwandlungssatz nicht gesenkt und dadurch unser Guthaben nur mickrig verzinst wird. Je tiefer die Verzinsung des Kapitals, desto tiefer fällt im Alter unsere Rente aus.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 7. Januar 2018

Claude Chatelain