Gopfried Stutz: Experten sind nicht automatisch auch Propheten

Wollen Sie wissen, auf welche Aktien man im kommenden Jahr setzen sollte? Ich sags Ihnen: Helvetia Versicherung, LafargeHolcim, Lindt&Sprüngli, Novartis, Panalpina. Fünf Experten durften in der «Finanz+Wirtchaft» fünf Aktientipps zum Besten geben. Die genannten fünf Titel erhielten je zwei Nennungen. Weitere Nennungen fielen unter anderem auf ABB, Arbonia, Basilea, Lonza, Swiss Re – die üblichen Verdächtigen.

Ich gehe nicht davon aus, dass Sie deswegen Ihren Anlageberater anrufen oder online einen entsprechenden Kaufautrag erteilen. Nichts gegen die fünf Finanzmarktspezialisten. Experten sind sie zweifellos. Doch Experten sind nicht automatisch auch Propheten.

 

Die Erfahrung lehrt uns, dass Banker mit ihren Aktientipps gleich häufig ins Schwarze treffen, wie sie daneben zielen. Zweitens glaube ich an die Theorie der effizienten Märkte. Sie besagt, dass alles, was man über eine Aktie wissen kann, im Aktienkurs enthalten ist. Die Fachwelt nennt dies eingepreist: Der Markt weiss es besser. Und wenn es ausnahmsweise einem Börsenhändler gelingt, mit seinen Aktienfavoriten besser abzuschneiden als der Börsenindex, so hat er den Markt geschlagen. 

 

Mehr als einzelne Aktientipps interessiert die Frage, wie es generell mit den Aktien weitergeht. Die Börsianer strotzen vor Zuversicht. Doch zu viel Optimismus ist ungesund. Die Börsen krachen häufig dann, wenn weit und breit kein dunkles Wölkchen auszumachen ist.

 

Gemäss der St. Galler Kantonalbank ist die wirtschaftliche Dynamik so gross wie noch nie seit der Finanzkrise. Dabei beschränke sich das Wachstum nicht nur auf die USA wie in früheren Jahren. Auch die Eurozone gehe mit guten Aussichten ins neue Jahr. Und schliesslich seien auch von China und anderen Schwellenländern positive Wachstumsimpulse zu erwarten. «Deshalb sehe ich für die Aktienmärkte einen erfolreichen Start und das Potenzial für weitere Kursgewinne», sagte Thomas Stucki von der St. Galler KB an einer Medienkonferenz. Er ist beileibe nicht der Einzige mit dieser Meinung.

 

Sollte Thomas Stucki und die anderen Berufsoptimisten Recht behalten, so können wir im August einen Rekord feiern: Dann wird der US-Aktienmarkt die längste Hausse seiner Geschichte erlebt haben. Das ändert aber nichts daran, dass auf jede Hausse eine Baisse folgt. Die Baisse – oder sogar der Crash – wird sich auch diesmal nicht ankündigen.

 

Sagen wir es doch so, wie ein Banker seinem Sohn die Börse erklärte: «Es ist wie auf dem Bauernhof. Du kaufst einen Hahn und ein Huhn. Das Huhn legt Eier, und die Eier werden zu Hühnern. Sie legen wieder Eier, und schon hast du einen grossen, wertvollen Hühnerbestand.»

«So einfach ist das?»

«Ja! Nur jetzt kommt ein Unwetter und spült alles weg.»

«???»

 

«Enten hättest du kaufen müssen!»

 

Erschienen im SonntagsBlick am 31. Dezember 2017

Claude Chatelain