«Die AHV rechnet heuer mit einer Rendite von sechs Prozent»

«Wenn man das Geld von vermögenden Leuten verwaltet, so ist das interessant. Aber wenn es noch eine soziale Komponente hat, ist es äussert befriedigend.» Manuel Leuthold.
«Wenn man das Geld von vermögenden Leuten verwaltet, so ist das interessant. Aber wenn es noch eine soziale Komponente hat, ist es äussert befriedigend.» Manuel Leuthold.

Manuel Leuthold kann nicht Entwarnung geben, auch wenn das Defizit in diesem Jahr dank hoher Rendite mehr als ausgeglichen sein wird.

Herr Leuthold, wann geht der AHV das Geld aus?

Manuel Leuthold: 2030 wird der AHV-Fonds leer sein. Das sind die Prognosen des Bundes.

 

Kollege Chatelain, Jahrgang 1953, wird also noch eine Rente erhalten, ich mit Jahrgang 1986 werde leer ausgehen.

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Dem Schweizer Volk ist die AHV viel zu wichtig. Aber das ist Sache der Politik.

 

Mit der Rentenreform 2020 ist nun schon die vierte AHV-Reform gescheitert. Glauben Sie wirklich, dass die Politik das schafft?

Ganz gewiss. Es darf nicht sein, dass für junge Leute wie Sie keine AHV mehr übrig bleibt.

 

Im laufenden Jahr sind wir aber gut unterwegs, oder?

Ja, beim Stand von heute haben wir in diesem Jahr eine Rendite von knapp sechs Prozent erzielt. Wir können also das Defizit 2017 überkompensieren.

 

Das heisst?

Wir müssen mehr Renten zahlen als wir als Beiträge erhalten. Das Defizit der Umlage betrug schon letztes Jahr über 750 Millionen. Dank der Rendite, die wir auf dem Finanzmarkt erzielten, können wir das Defizit 2017 wie schon im letzten Jahr mehr als ausgleichen.

 

Also können wir Entwarnung geben.

Nein! Erstens können wir nicht alle Jahre mit dieser Rendite rechnen. Zweitens nehmen die Ausgaben wegen der Alterung von Jahr zu Jahr stärker zu als die Einnahmen. Das Defizit wird immer grösser. Schon nächstes Jahr kann es ganz anders aussehen.

 

Was müsste geschehen, damit die AHV wieder ins Lot kommt?

Wenn eine Organisation Defizite macht, muss man die Einnahmen erhöhen oder die Ausgaben kürzen – oder eine Kombination davon.

 

Welche Massnahmen bevorzugen Sie?

Das muss die Politik entscheiden. Für mich ist die Planungssicherheit am wichtigsten. Denn so können wir eine bessere Rendite erzielen.

 

 

Zur Person

Der langjährige Banker Manuel Leuthold trägt die Verantwortung für ein Kapital, das uns allen gehört: das 37-Milliarden-Franken-Vermögen der AHV, IV und EO. Der 57-Jährige präsidiert Compenswiss, die für die Verwaltung dieser Gelder zuständig ist. 27 Jahre arbeitete der Vater einer Tochter in verschiedenen Funktionen für die UBS. An der Universität Genf erwarb er je einen Mastertitel in Ökonomie und Recht. 


Das Volk sagte Nein zur Altersreform 2020. Damit ist Ihre Planungssicherheit dahin.

Jetzt müssen wir halt mit dem bestehenden Szenario weitermachen. Wir sind 2030 bei null. Das war schon vor der Abstimmung so.

 

Immerhin will nun der Nationalrat die AHV mit einer ausserordentlichen Finanzspritze von 442 Millionen Franken aufpeppen. Was hiesse das für die Planungssicherheit?

Zusätzliche Mittel sind immer willkommen (lacht)!

 

Wollen Sie langfristige Investitionen tätigen, um mehr Risiken eingehen zu können?

Das ist nicht der Punkt. Das Problem besteht vielmehr darin, dass wir ein hohes Mass an flüssigem Geld bereithalten müssen. Sie wissen: In Zeiten von Negativzinsen bringt Cash nichts ein. Unser Hauptauftrag besteht darin, die Zahlung der Renten zu sichern. Wird nichts unternommen, nimmt der Fonds von Jahr zu Jahr ab. Dann können wir das Geld nicht mehr so investieren. Dann brauchen wir es für die laufenden Rentenzahlungen.

 

Wir leisten monatlich Zahlungen von 4,5 Milliarden Franken bei einem Vermögen von 37 Milliarden.
Wir leisten monatlich Zahlungen von 4,5 Milliarden Franken bei einem Vermögen von 37 Milliarden.

Die Pensionskassen haben das gleiche Problem. Und doch erzielten sie im Schnitt eine höhere Rendite als der AHV-Fonds!

Tendenziell haben Sie recht. Dafür gibt es Gründe. Erstens brauchen wir eine sehr hohe Liquidität. Man muss sich vorstellen: Wir leisten monatlich Zahlungen von 4,5 Milliarden Franken bei einem Vermögen von 37 Milliarden. Zweitens haben wir einen kürzeren Anlagehorizont. Mehr und mehr Babyboomer werden eine Rente erhalten. Damit erhöht sich das Defizit. Sobald wir wieder stabile Verhältnisse haben und langfristig anlegen können, werden die Renditen höher ausfallen.

 

Warum haben Sie im Unterschied zu Pensionskassen keine Immobilien im Portefeuille?

Aus historischen Gründen. Das ist übrigens der dritte Punkt, weshalb wir im Vergleich zu Pensionskassen tendenziell tiefere Renditen erwirtschaften. Wir haben durchaus Immobilien im Portefeuille, aber nur indirekt, via Immobilienfonds oder Immobilienaktien, aber keine einzelnen Objekte. Mit solchen Direktanlagen haben Pensionskassen stabile Erträge in Schweizer Franken. Das ist ein grosser Vorteil.

 

Warum kaufen Sie keine Immobilien?

Der Markt ist zu eng. Zudem sind die Preise derzeit sehr hoch.

 

Sind sind seit zwei Jahren Präsident von Compenswiss, das das Vermögen der AHV, IV und EO verwaltet. Was haben Sie seither erreicht? 

Ich eine intakte Organisation vorgefunden. Aber ich will die Information verbessern. Wir müssen erklären, was der Stand der Reserven ist und wie sie sich entwickeln werden. Und was die Konsequenzen für die Anlagestrategie und für die zu erwartende Performance sind. 

 

 

Eine ganz andere Frage: Ist es klug, einen UBS-Mann an der Spitze des AHV-Fonds zu haben?

Ich habe die UBS Ende 2011 verlassen...

 

Aber bei dem historischen Debakel, als die UBS im Krisenjahr 2008 von der Eidgenossenschaft gerettet werden musste, waren Sie noch dabei.

Die Kritik, die in Ihrer Frage steckt, kann ich nicht nachvollziehen. Ich war 27 Jahre bei der UBS, habe sehr viel gelernt und viele Erfahrungen gesammelt. Auch Fussballspieler wechseln manchmal ihren Klub. Schliesslich braucht es im Verwaltungsrat von Compenswiss Personen mit Fachkompetenz in Finanzfragen. Diese holt man sich nun mal bei einer Bank.

 

Kritische Stimmen hörte man auch, als Sie in den Verwaltungsrat der Baque Cramer eintraten. 

Auch da sehe ich kein Problem. Es gibt keine Interessenskonflikte. Wir vergeben komplex Mandate nur an grosse Banken und grosse Vermögensverwaltungskonzerne. 

 

Sie verdienen als Präsident von Compenswiss pro Jahr 65000 Franken – bei einem Pensum von 30 Prozent. Als Banker haben Sie sicher mehr verdient. Warum haben Sie sich so entschieden?

Ich habe in meinen Jahren in der Finanzwelt wehr gut verdient. Deshalb finde ich es richtig, dass man etwas zurückgibt. Wenn man das Geld von vermögenden Leuten verwaltet, so ist das interessant. Aber wenn es noch eine soziale Komponente hat, ist es äussert befriedigend.

 

 

Erschienen im SonntagsBlick am 3. Dezmber 2017

Claude Chatelain