Gopfried Stutz: TravailSuisse hat recht – aber nur zum Teil

Der Gewerkschaftsdachverband schrieb letzte Woche in einer Mitteilung: Zwei Drittel der Gewinne von grossen Versicherungskonzernen – 602 von 908 Millionen Franken – stammten 2016 aus einer Sozialversicherung. TravailSuisse: «Die zweite Säule ist damit selber zu einer Lebensversicherung für die Versicherer geworden. Das ist nicht haltbar.»

Der Gewerkschaftsdachverband schrieb letzte Woche in einer Mitteilung: Zwei Drittel der Gewinne von grossen Versicherungskonzernen – 602 von 908 Millionen Franken – stammten 2016 aus einer Sozialversicherung. TravailSuisse: «Die zweite Säule ist damit selber zu einer Lebensversicherung für die Versicherer geworden. Das ist nicht haltbar.»

Wenn das stimmen würde, wäre es in der Tat nicht haltbar. Nur: Die acht Versicherungsgesellschaften, die mit beruflicher Vorsorge Geld verdienen, erwirtschafteten im vergangenen Jahr weit höhere Gewinne als 908 Millionen Franken. Die Gewerkschafter stützen sich zwar auf den Transparenzbericht der Finanzmarktaufsicht. Der aber ist leider nicht in allen Teilen transparent und führte daher zu diesen Fake News.

Abgesehen von dieser Falschaussage gebe ich TravailSuisse recht, zumindest teilweise. Es ist tatsächlich fragwürdig, dass börsenkotierte Weltkonzerne an unseren Sozialwerken mitverdienen – und mit ihren Lobbyisten in Bundesbern erst noch die Regeln dafür diktieren.

 

In der inzwischen eingestellten Wirtschaftszeitung «Cash» argumentierte ich einmal, dass sich börsenkotierte Versicherer von den Sozialversicherungen der Schweiz zurückziehen sollten – zumal sie in gewissen Fällen erst noch vom Ausland gelenkt werden. Sie dürften höchstens als Rückversicherer für die Risiken Tod und Invalidität agieren, nicht aber als Vollversicherer zur Bewirtschaftung der Vorsorgegelder.

Gewiss, heute sehe ich das nicht mehr ganz so ideologisch. Vielleicht habe ich aber auch resigniert – oder bin ich etwa altersmilde geworden?

Tatsache ist, dass Lebensversicherer mit ihrem Vollversicherungsmodell Garantien bieten, die andere Vorsorgeeinrichtungen nicht zu leisten vermögen. Als Versicherter einer Vollversicherung brauche ich mir keine Sorgen zu machen, ob ich dereinst Sanierungsbeiträge leisten muss, wie das bei betriebseigenen Vorsorgeeinrichtungen nicht selten vorkommt.

Tatsache ist aber auch, dass es Nachfrage für die sicheren Lösungen der Lebensversicherer gibt. 1,2 Millionen sind nach diesem Vollversicherungsmodell versichert – obwohl es teuer ist und ein Teil der Prämien nicht den Rentnern, sondern den Aktionären zugutekommt.

 

Zudem sollte man wissen, dass mindestens 90 Prozent des erwirtschafteten Ertrags den Versicherten gutgeschrieben werden muss. Die Linken möchten diese gesetzliche Mindestquote auf 95 Prozent erhöhen. Doch die Versicherungsgiganten sträuben sich und sagen, bei einer Mindestquote von 95 Prozent würden sie sich aus der Vollversicherung verabschieden.

Ob das stimmt, weiss ich nicht. Ob es schlimm wäre, weiss ich auch nicht. Ich weiss nur, dass kein KMU verpflichtet ist, die berufliche Vorsorge seiner Mitarbeiter einer Versicherungsgesellschaft zu überlassen.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 12. November 2017

Claude Chatelain