Gopfried Stutz: Mit Cash gut schlafen; mit Aktien gut essen

Mit Obligationen gut schlafen; mit Aktien gut essen.» So lautet eines der vielen Bonmots von Börsenaltmeister André Kostolany.

«Mit Aktien gut essen» – damit bin ich einverstanden. Aber mit Obligationen gut schlafen? Vergessen Sie es. Bei mir gilt: «Mit Cash gut schlafen; mit Aktien gut essen.»

Fangen wir von vorne an: Kostolany ist 1999 verstorben. Damals hatten wir ganz andere Verhältnisse. Dass man dereinst dafür zahlen muss, um Geld zu hinterlegen, schien undenkbar. Heute würde der originelle Sprücheklopfer ungarischer Herkunft seine Aussage kaum mehr unterschreiben.

 

Die von der Nationalbank errechnete Durchschnittsrendite für Bundesobligationen mit einer Laufzeit von zehn Jahren lag Ende 1999 bei 3,5 Prozent. Heute liegt sie bei 0,02 Prozent. Dieser Wert gilt als Massstab für das Zinsniveau.

 

Die auf Privatkredite spezialisierte Cembra Money Bank gab dieser Tage eine Obligation mit einer Laufzeit von sechseinhalb Jahren heraus. Der Zins, im Jargon Coupon, beträgt 0,25 Prozent. Selbst mit diesem bescheidenen Ertrag geben sich die Investoren mehr als zufrieden, denn sie zahlen fürs Papier sogar einen Aufpreis, sodass die Rendite gerade mal auf 0,23 Prozent schrumpft.

 

Was passiert nun mit dieser Anleihe der Zürcher Cembra Money Bank, falls das Zinsniveau abrupt ansteigt? Klare Sache: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis.

Steigt das Zinsniveau, werden Anleihen mit einem höheren Coupon auf den Markt kommen und die Nachfrage nach Papieren mit einem tiefen Coupon verlieren an Attraktivität. Der Kurs laufender Obligationen sinkt.

 

Als Besitzer von Obligationen kann es mir schnuppe sein, wenn der Kurs einer Obligation aufgrund des steigenden Zinsniveaus sinkt. Ich behalte das Papier bis zum Verfall und erhalte den Nennwert zurückbezahlt. Doch Banken empfehlen dem Kleinanleger nicht einzelne Obligationen, sondern Anteile eines Obligationenfonds. Solche sind zwar breiter abgestützt, sie haben aber kein Verfalldatum. Bei einer Einzelanleihe weiss ich, wie hoch das Kapital ausfallen wird. Bei einem Obligationenfonds kann ich nur hoffen, dass sich die Kursverluste in absehbarer Zeit erholen. Das kann Jahre dauern.

 

In den vergangenen Jahren konnte man mit solchen Obligationen gutes Geld verdienen. Logisch: die Zinsen sanken und sanken, die Obligationenkurse stiegen und stiegen. Doch irgendwann wird uns die Zinswende überraschen. Wann das sein wird, weiss ich nicht. Und ja: Ich warne schon seit vielen Jahren vor einem Anstieg der Zinsen. So gesehen befinde ich mich im gleichen Boot wie die Crash-Propheten: Eines Tages werden auch sie recht bekommen. Und wenn eine Zinswende für tiefere Obligationenkurse sorgt, werde ich an dieser Stelle mit grossen Lettern frohlocken: «Ich habs ja schon immer gesagt.»

 

«Ich behalte das Papier bis zum Verfall und erhalte den Nennwert»

 

Erschienen im SonntagsBlick am 29. Oktober 2017

Claude Chatelain