Gopfried Stutz: Die Frauen profitieren auch ohne Rentenreform

Liebe Babyboomerinnen, viele unter Ihnen werden also das Privileg behalten, ein Jahr vor den Männern die volle AHV-Rente zu bekommen. Das haben die Stimmbürger und insbesondere die Stimmbürgerinnen vor Wochenfrist so entschieden. Sie wollten sich nicht mit 70 Franken ködern lassen.

Ich rechne vor: Frauen beziehen im Schnitt eine Rente von 1867 Franken im Monat. Multipliziert mit 12 gibt das 22 404 Franken. Das ist der Betrag, den Frauen mit der Erhöhung des Rentenalters um ein Jahr verlieren würden.

 

Zwar hätte es durch Bersets Vorschlag pro Monat 70 Franken oder pro Jahr 840 Franken mehr geben sollen. Bis sich diese 70 Franken aber auf 22 404 Franken addiert hätten, wären über 26 Jahre ins Land gegangen – und die Empfängerin 91 Jahre alt.

 

Dass Frauen die Verliererinnen der abgeschmetterten Vorlage seien, wie Grünen-Präsidentin Regula Rytz im Schweizer Fernsehen erklärte, kann also nicht stimmen.

 

Aber bitte, liebe Gewerkschafterinnen, kommen Sie mir nicht mit Fake News wie denen, bei der Erhöhung des Frauenrentenalters handle es sich um Sozialabbau. Die Wahrheit ist, dass Frauen – und übrigens auch Männer – in der AHV von einem schleichenden Ausbau der Sozialleistungen profitieren. Die Erhöhung des Rentenalters ist nichts anderes als eine Abschwächung des sozialen Ausbaus.

 

1981 konnte eine 65-jährige Frau mit einer Restlebenserwartung von 18,2 Jahren rechnen. 2016 betrug diese für 65-jährige Frauen beachtenswerte 22,6 Jahre. Frauen beziehen also insgesamt 4,4 Jahre länger Rente als vor 35 Jahren. Sozialausbau pur.

 

Man muss nicht einmal bis ins Jahr 1981 zurückgehen. Auch 2001 war die Restlebenserwartung mit 21,1 Jahren noch deutlich tiefer als heute. Sie stieg in den letzten 15 Jahren deutlich mehr als um ein Jahr.

 

Frau kann nun einwenden, dass auch bei Männern die Restlebenserwartung zugenommen hat. Völlig richtig, sie stieg seit 1981 von 14,3 auf 19,8 Jahre.

 

Wollen wir etwa die Geschlechter gegeneinander ausspielen? Kein Problem. Die Restlebenserwartung 65-jähriger Männer liegt heute bei 19,8 Jahren, um 2,8 Jahre unter jener von Frauen gleichen Alters. Hat irgendein ernst zu nehmender Politiker die Forderung gestellt, Männer sollten wegen der tieferen Lebenserwartung eine höhere Rente erhalten? Es wäre mir entgangen.

 

Manchmal erzähle ich an dieser Stelle einen Witz, der zum Thema passt. Nun, mit Blondinenwitzen begebe ich mich auf gefährliches Terrain. Ich wage es trotzdem: Wie kann man eine Blondine noch dümmer machen? Mit einer Geschlechtsumwandlung zum Mann.

 

Erschienen im SonntagsBlick am 1. Oktober 2017

Claude Chatelain