Was die SBB unter «sehr kundenfreundlich» versteht

Die Geschichte geht so: Der Rentner aus dem Speckgürtel von Bern besitzt seit Jahren ein Halbtaxabonnemt – heute sagt man dem wahrscheinlich anders. Ende August lief es ab. Er bestellte ein Neues, gültig ab 1. September. Flugs landete es im Briefkasten. Der Rentner stopfte es ins Portemonnai, und als er im Zug von Bern nach Fribourg fuhr, bedeutete ihm der Kondukteur – heute sagt man dem wahrscheinlich anders – sein Halbpreisabo sei noch nicht gültig.

Ein Glück, dass die Digitalisierung auch bei den Bundesbahnen nicht halt machte. Der Kondukteur fand auf seinem Gerät all die Angaben des treuen SBB-Kunden. Er zeigte ihm sogar auf dem Display das noch gültige Abo mit Bild, Name und Gültigkeit. Er wusste also, dass der Kunde nicht erst auf den 1. September ein Abo besitzt und sein Abo nahtlos verlängert hat.

 

Und trotzdem knöpfte der Kondukteur dem braven Rentner 5 Franken ab, weil er kein gültiges Abo bei sich hatte. Er stellte ihm ein Billet aus.

Der Rentner schrieb den SBB einen Brief und beschwerte sich. Der Autor dieser Zeilen sass gerade mit dem Rentner in der Beiz, als das Telefon klingelte. Es war eine Frau von den SBB. Sie bezog sich aufs Schreiben des Rentners und erklärte ihm, er könne von Glück kreden, dass er nicht 70 Franken habe zahlen müssen. Das sei die Busse für Fahren ohne gültigen Fahrschein.

 

Stimmt das? 70 Franken? Ob das Abknöpfen von 70 Franken rechtens gewesen wären, beantwortete die Medienabteilung der SBB nicht. Sie sagte lediglich, der Zugbegleiter - früher Kondukteur genannt - habe «sehr kundenfreundlich» gehandelt, indem er sofort nachgeschaft habe. «Der Kunde musste somit nicht mehr extra an den Schalter gehen. Dieser Service kostet in jedem Fall 5 Franken Bearbeitungsgebühr.»

 

Wieso eine Bearbeitungsgebühr, wo es doch gar nichts zu bearbeiten gäbe? An jenem Tag lesen wir die Schlagzeile: «Die SBB will im Fernverkehr das Monopol mit aller Gewalt verteidigen.» Hoffentlich gelingt ihr das nicht.

Claude Chatelain