Gopfried Stutz: Ab welchem Jahrgang gibts 70 Franken mehr?

Rechte werden die Altersreform am 24. September tendenziell ablehnen, Linke eher mit Ja stimmen. Ebenso die Katholiken, da Ehepaare in Zukunft 225 Franken mehr erhalten, falls sie Anspruch auf eine maximale Vollrente haben
Was aber werden jene in die Urne legen, die sich vor allem nach rechts hinten orientieren, wo das Portemonnaie steckt?
Gewinner sind die Babyboomer
Ich könnte mir vorstellen, dass sich viele Rentnerinnen und Rentner als Verlierer sehen, weil nur Neurentner in die Gunst der zusätzlichen 70 Franken kommen. Gewinner sind zweifellos die Babyboomer, die 70 Franken mehr AHV erhalten, von einer Übergangsregelung bei der Pensionskasse profitieren und wegen ihrer grossen Zahl erst noch die Ursache dafür sind, dass die AHV in Schieflage zu geraten droht.
Doch ab welchem Jahrgang gibt es nun 70 Franken mehr AHV? Männer mit Jahrgang 1953 und jünger oder 1954 und jünger? Man hört beides. Ich fragte Colette Nova, Vizedirektorin im Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV). Schliesslich bin ich bei dieser Frage mit Jahrgang 1953 nicht ganz unbefangen, womit ich auch gleich meine Interessenverbindung offengelegt hätte.
Colette Nova sagte: Männer mit Jahrgang 1953 und Frauen mit Jahrgang 1954. So stehe es auch auf der Website. Freilich ist hier anzumerken, dass in der französischen Version auf der BSV-Homepage noch von 1952 und 1953 die Rede war. Ein Fehler, der womöglich zu dieser Verwirrung beigetragen hat, inzwischen aber korrigiert wurde.
Wirtschaftslobbyisten stören sich an 0,3 Prozentpunkten
Und da wir schon beim Thema sind: Wirtschaftslobbyisten stören sich vor allem daran, dass die Beiträge an die AHV ab 2021 um 0,3 Prozentpunkte erhöht werden sollen, je 0,15 für Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Die Erhöhung dient der Finanzierung des AHV-Zuschlags von 70 Franken und der Erhöhung des Rentenplafonds für Ehepaare von 150 auf 155 Prozent.
Dass auch die Beiträge in der beruflichen Vorsorge erhöht werden sollen – die sogenannten Altersgutschriften – stört die Wirtschaftsführer weniger.
Wirtschaftsführer sind nur Menschen
Dazu zwei aufschlussreiche Zahlen: Gemäss der Gesamtrechnung der Sozialversicherungen 2013 zahlten Arbeitnehmer und Arbeitgeber knapp 30 Milliarden Franken in die AHV, beide gleich viel. In die zweite Säule zahlten sie hingegen 53 Milliarden ein, wobei hier der Anteil der Arbeitgeber grösser ist.
Nicht selten ist der Arbeitgeberanteil grösser als der Anteil der Arbeitnehmer. Das ist grosszügig und löblich, aber nicht immer uneigennützig. Steigen die Beiträge (beziehungsweise Lohnabzüge) in der AHV, so profitiert das gemeine Volk davon. Steigen dagegen die Beiträge in der zweiten Säule, so profitieren die Firma und ihre Mitarbeiter unmittelbar, das Kader manchmal überproportional.
Wirtschaftsführer sind nur Menschen. Auch sie stimmen manchmal nicht wirklich rechts, sondern ebenfalls rechts hinten.
Erschienen im SonntagsBlick am 20. August 2017

Claude Chatelain