Was jetzt? Mangel an Arbeitsplätzen oder Mangel an Arbeitskräften?

Die demografische Entwicklung in der Schweiz deutet auf der einen Seite darauf hin, dass sich der Arbeitskräftemangel verstärken wird. Auf der anderen Seite schreitet die Automation voran, sodass Arbeitsplätze verschwinden werden. Was bedeutet das?

Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann lancierte vor vier Jahren die Fachkräfte­initiative. Er hat allen Grund ­dazu: In den kommenden zehn Jahren werden in der Schweiz 690'000 Personen den Arbeitsmarkt verlassen; nur etwa 480'000 werden nachrücken. Das rechnet die UBS in einer kürzlich erschienenen Studie vor. 
Nach einer anderen Berechnung gehen in den nächsten zehn Jahren im Schnitt gar 50'000 mehr Personen in Pension als nachrücken werden. 1964 ist der geburtenstärkste Jahrgang. Darauf folgt der Pillenknick. Und da die Arbeitgeber nicht mehr wie früher hemmungslos Ausländerinnen und Ausländer rekrutieren können, fehlt es an Arbeits­kräften.
Die Roboterisierung schreitet voran
Gleichzeitig schwebt das ­Damoklesschwert der Roboterisierung über unseren Köpfen. Das Weltwirtschaftsforum WEF prognostizierte, dass bis 2020 durch die Digitalisierung sieben Millionen Jobs ver­loren gehen, aber nur zwei Millionen neue Jobs entstehen werden. Und gemäss einer Studie der Universität Oxford ist in den Industrieländern in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren fast jeder zweite Arbeitsplatz automatisierbar. Es droht ein Mangel an Arbeits­plätzen.
Was jetzt? Mangel an Arbeitskräften oder Mangel an Arbeitsplätzen? «Die beiden Entwicklungen heben sich gegenseitig auf. Das wäre an sich eine gute Nachricht», meint George Sheldon, emeritierter Professor für Arbeitsmarktökonomie an der Universität Basel. Er weist aber darauf hin, dass diese beiden ­Entwicklungen kaum zeitgleich stattfinden. Zudem würden mit der Roboterisierung nur die technischen Möglichkeiten aufgezeigt. «Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch marktfähig», sagt Sheldon.
In den Industrieländern wird in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren fast jeder zweite Arbeitsplatz automatisierbar.
Boris Zürcher, Leiter der ­Direktion für Arbeit im Staats­sekretariat für Wirtschaft (Seco), sieht das genau gleich: «Die ­demografische Entwicklung ist eine Tatsache. Die Folgen der ­Roboterisierung für den Arbeitsmarkt basieren nur auf Prognosen.» Und ob diese Prognosen eintreffen, ist für ihn alles andere als gewiss.
Auch UBS-Ökonom Daniel Kalt glaubt nicht an die Schreckensszenarien, wie sie mehrheitlich aus den USA stammen. «Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass über das Ganze gesehen innerhalb von zehn Jahren 20 bis 30 Prozent der Jobs wegrationalisiert werden.» Wenn sich potenziell so und so viele Jobs mit Robotern ersetzen liessen, heisse das noch lange nicht, dass sie dann auch ersetzt würden. Hinzu kommt, so Kalt, dass die demografische Entwicklung, spricht die Alterung der Gesellschaft, eher einen Beschäftigungsaufbau statt eines Abbaus zur Folge habe.
Die Fachwelt spricht in diesem Zusammenhang von der Tertianisierung. Gemeint ist der Wandel von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft. Was in der Industrie an Jobs verloren geht, wird im Dienstleistungssektor neu geschaffen. «Die Alterung wird viele neue Jobs schaffen», ist Boris Zürcher überzeugt. Er denkt dabei nicht bloss an all die Pflegeberufe, sondern zum Beispiel auch an Coaching für über 50-jährige Arbeit­nehmer.
«Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass über das Ganze gesehen innerhalb von zehn Jahren 20 bis 30 Prozent der Jobs wegrationalisiert werden.»Daniel Kalt
Zweifel an einer markanten Abnahme des Arbeitsangebots hat Boris Zürcher schon deshalb, weil in den letzten Jahrzehnten entgegen allen Prognosen die Arbeitsproduktivität kaum gestiegen ist. Man erinnert sich: Als in den Siebzigerjahren der Begriff EDV zunehmend durch Automation und später IT ersetzt wurde, sagten damals auch Ökonomen herbe Arbeitsplatzverluste voraus. 
An der Universität Bern führte der inzwischen verstorbene Wirtschaftsprofessor Peter Tlach ein Seminar mit dem Titel «Automation» durch. Den Teilnehmern wurden angst und bange angesichts der trüben Job­aussichten.
Die Produktivität hat kaum zugenommen
Mittlerweile muss man nüchtern feststellen: Die Arbeitsproduktivität hat trotz des technologischen Fortschritts kaum zugenommen. Die Arbeitsproduktivität gibt an, welchen Beitrag am Bruttoinlandprodukt die Erwerbstätigen leisten müssen. Anders gesagt: Wächst die Wirtschaft, ohne dass dafür mehr Arbeitsstunden geleistet wurden, ist das auf eine steigende Arbeitsproduktivität zurückzuführen.
Der US-Ökonom Robert Solov sagte einmal: «Computer finden sich überall, nur nicht in den Produktivitätsstatistiken.» Für seine Arbeiten zur Wachstumstheorie erhielt er 1987 den Nobelpreis.
Doch der vielleicht bekannteste Forscher der Arbeitsproduktivität ist der Amerikaner Robert Gordon von der Northwestern University in Chicago. Die grossen Erfindungen wie Webstühle, Dampfmaschinen, Verbrennungsmotor, Elektrizität, Sanitäreinrichtungen und Flugzeuge liegen hundert bis hundertfünfzig Jahre zurück. Sie ­haben das Leben vereinfacht, die Arbeit produktiver gemacht und damit auch die Wirtschaft wachsen lassen.
«Computer finden sich überall, nur nicht in den Produktivitätsstatistiken.»Robert Solov
Die neuen Erfindungen wie Roboter, Computer mit künstlicher Intelligenz, Apps, soziale Netzwerke würden das ­Leben nicht im gleichen Masse vereinfachen wie die Erfindungen des vorletzten Jahrhunderts, ist Gordon überzeugt. Er glaubt nicht an die von der IT-Industrie beschworene «vierte industrielle Revolution».
Was Gordon befähigt, solche Aussagen zu machen, ist der Umstand, dass er sein ganzes Forscherleben der Arbeitsproduktivität und dem Wirtschaftswachstum widmete, zusammengefasst in einem 700-seitigen Wälzer mit dem Titel: «The Rise and Fall of American Growth».
Zahlreiche technologische Erneuerungen werden zwar unseren Alltag vereinfachen; sie werden aber nicht aufs wirtschaft­liche Wachstum durchschlagen. Das sieht auch Jan-Egbert Sturm so. Der Direktor der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich nennt den Bancomaten als Beispiel: Dieser erlaube es, jederzeit Geld abzuholen, ohne dass man sich an Schalteröffnungszeiten halten müsse. Das ist ein Fortschritt, der sich in Wachstums- und Produktivitätsstatistiken nicht niederschlage. 
Als zweites Beispiel nennt Jan-Egbert Sturm das Smartphone, das für jeden Einzelnen enorme Erleichterungen verschaffe, die aber in Statistiken ebenfalls nicht erfasst würden. Für Wissenschafter ist der Fall klar: Es fehlt an Arbeits­kräften. Nur Politiker wollen immer noch neue Arbeitsplätze schaffen.
Erschienen in der Berner Zeitung am 3. August 2017

Claude Chatelain