Gopfried Stutz: Der Koordinationsabzug soll noch komplizierter werden

Heute wollen wir uns mit dem Koordinationsabzug in der beruflichen Vorsorge befassen. Wenn es Ihnen, liebe Leserschaft, bei dieser Wortschöpfung gleich ablöscht, habe ich volles Verständnis dafür. Doch wie wir wissen, strotzt die zweite Säule nicht nur von unverständlichen Fachbegriffen, sie ist auch heillos kompliziert. Und soll noch komplizierter werden.
Man könnte den Koordinationsabzug auch AHV-Abzug nennen. Die Renten von AHV und Pensionskasse, also der ersten und der zweiten Säule, sollen damit «koordiniert» werden.
Eine wichtige Grösse in der Vorsorge ist der versicherte Verdienst, jener Betrag, auf dessen Grundlage Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge berechnet werden. Am einfachsten wäre es, wenn Bruttolohn und versicherter Verdienst gleich wären. Doch den Gestaltern unserer Vorsorgewerke wäre das zu einfach. Sie meinten, man müsse nicht den ganzen Lohn versichern, da es im Alter noch die AHV gebe. Also wird vom Bruttolohn ein Abzug vorgenommen, um den versicherten Verdienst zu ermitteln: Bruttolohn minus Koordinationsabzug gleich versicherter Lohn.
Der Koordinationsabzug entsprach einer einfachen maximalen AHV-Rente und wurde vor ein paar Jahren auf 87,5 Prozent der AHV-Rente begrenzt, um tiefere Einkommen zu begünstigen. Derzeit beträgt er 24'675 Franken. Das tönt nach Mathematik, nach exakter Wissenschaft. Doch unsere Vorsorgelösungen sind alles andere als exakt. Wir sprechen hier allein vom obligatorischen Minimum laut BVG (Gesetz über die berufliche Vorsorge), das nur Löhne bis 84'600 Franken regelt, abzüglich Koordinationsabzug von 24'675 also 59'925 Franken, der maximale koordinierte Jahreslohn.
Vier Fünftel der BVG-Versicherten verdienen jedoch mehr als 59'925 Franken. Sie erwerben überobligatorische Leistungen, weshalb sie von einer Senkung des gesetzlichen Mindestumwandlungssatzes gar nichts spüren werden. Sie haben heute schon einen tieferen Umwandlungssatz. Spüren werden sie dagegen die 70 Franken, um welche die AHVRente erhöht werden soll. Doch ich schweife ab. Es geht hier ja um den Koordinationsabzug...
Bundesrat Alain Berset wollte in seiner Altersreform, über die wir am 24. September abstimmen, den Koordinationsabzug abschaffen. Bravo! Endlich!
Doch das Parlament wollte davon leider nichts wissen und machte alles noch schlimmer, noch komplizierter. Künftig wird der Koordinationsabzug dreigeteilt: Für Löhne zwischen 21'150 und 35'250 Franken soll er 14'100 Franken betragen; bei Einkommen zwischen 35'250 und 52'875 Franken würde er auf 40 Prozent des Lohnes festgelegt und bei Einkommen zwischen 52'875 und 84'600 Franken läge er bei 21'150 Franken.
Haben Sie, liebe Leser, das alles verstanden? Macht nichts. Ich auch nicht.
Erschienen im SonntagsBlick am 23. Juli 2017

Claude Chatelain