Gopfried Stutz: Nur neutrale Berater sind gute Berater

Was sagt Ihnen ­«Cicero»? Die Lateiner unter Ihnen bekommen bei diesem Namen feuchte Augen und schwärmen von Marcus Tullius ­Cicero, einem der gescheitesten Köpfe der römischen Antike. Film-Aficionados erinnern sich womöglich an den «Fall Cicero», einen Thriller von ­Joseph L. Mankiewicz aus dem Jahr 1951. Meine Kollegen auf der Redaktion denken bei diesem Begriff an das deutsche Polit-Magazin.

Und ich? Wenn ich «Cicero» höre, denke ich selbstverständlich unweigerlich an Versicherungsberater. Nun, ich verhehle nicht, dass ich mit dieser Aussage leicht, wenn nicht sogar sehr stark übertreibe. Doch der Schweizerische Versicherungsverband (SVV) ist derzeit mit ­einer Kampagne bemüht, den Begriff «Cicero» als Gütesiegel bekannt zu machen.
Ziel von Cicero ist es, die Qualität der Kundenberatung zu stärken. Nur Versicherungsberaterinnen und -berater, die sich nach einer ausgewiesenen Grundausbildung laufend weiterbilden, erhalten das Gütesiegel Cicero und sind im Branchenregister einge­tragen. Im Register unter www.cicero.ch können wir uns vergewissern, ob unser Berater oder unsere Beraterin die Anforderungen von Cicero erfüllt. Jener, der uns ungefragt anruft, dürfte sie kaum erfüllen.
Auch Cicero konnte gut reden
Wieso die Förderer der ­Versicherungsberater auf den Namen Cicero kamen, weiss ich nicht. Von Cicero ist überliefert, dass er ein begnadeter Redner war. Auch Versicherungsberater müssen gut reden können.
Um registriert zu bleiben, sind die Berater verpflichtet, alle zwei Jahre eine vorgeschriebene Anzahl Credits aus absolvierten Weiterbildungen vorzuweisen. Denn Versicherungsvermittler müssen die Produkte bestens kennen, die sie verkaufen. Sie müssen beurteilen können, was der Kunde braucht und ob er vor dem Verkaufsabschluss alles verstanden hat.
Nun, das finde ich alles sehr löblich, wenn doch die gut ausgebildeten und sich stets weiterbildenden Berater auch neutral wären. Sie sind es nicht immer. Die meisten unter ihnen sind kommissionsgetrieben.
Je mehr Policen ein Versicherungsberater verkauft, desto dicker ist sein Portemonnaie. Das ist keine Kritik, nur eine Feststellung. In einer Epoche, in der die Gesellschaft vom Geld und vom Konsum hypnotisiert ist, darf man das nicht beklagen.
Wirklich unabhängig und damit auch kompetent können nur jene Berater sein, die keine Kommissionen garnieren und dafür vom Kunden ein Honorar verlangen. Möglich wäre auch, dass die Verkaufsprovision dem Kunden zurückbezahlt oder mit dem Honorar verrechnet wird. Solche Berater gibt es. Doch häufig schrecken Kunden von den Honorarforderungen zurück. Sie gehen lieber zu Versicherungsfachleuten, die es angeblich gratis machen. Obschon das so natürlich nicht stimmt. Sie beraten nicht gratis. Sie verkaufen höchstens gratis.
Erschienen im SonntagsBlick am 9. Juli 2017

Claude Chatelain