Gopfried Stutz: Aktionärsdemokratie? Dass ich nicht lache

Das ist gelebte Aktionärsdemokratie, wie ich sie mir lobe», schwärmte der Kolumnist in der «Finanz und Wirtschaft». Dies, weil Aktionäre dank der Minder-Initiative überhaupt über die Vergütung abstimmen dürfen und der Vergütungsbericht in gewissen Fällen auch schon abgelehnt wurde. Dank dieser Aktionärsdemokratie hiess es nach der GV der Credit Suisse, CS-Präsident Urs Rohner habe eine «schallende Ohrfeige» erhalten.

Ich habe andere Informationen. Nach allem, was ich hören und lesen konnte, haben 91 Prozent der Aktionärinnen und Aktionäre Urs Rohner wiedergewählt. Das ist keine Ohrfeige. Das ist keine Aktionärsdemokratie. Das ist Demokratie nach Sowjet-Art.
Und dann dieser unsägliche Verfügungsbericht. «Nur» 58 Prozent stimmten ihm zu. Was heisst da «nur»? Man muss sich das mal vorstellen: Die Bank schreibt einen Jahresverlust von 2,7 Milliarden Franken, der Aktienkurs fällt um mehr als 30 Prozent – und der VR-Präsident kassiert vier Millionen Franken; mehr als in den Jahren zuvor. Das Management erhält zusätzlich zum vertraglich fixierten Lohn Boni von drei Milliarden Franken. Dabei braucht die CS dringend frisches Kapital, weshalb sie das Aktienkapital um vier Milliarden Franken erhöhen will. Wie kann eine solche Dreistigkeit überhaupt eine Mehrheit finden?
Die CS-Führung wurde übrigens nicht zum ersten Mal wegen ihrer Boni-Politik gerügt. Hat sie daraus die Lehren gezogen? Es wäre mir entgangen.
Das ganze Theater um den Vergütungsbericht ist aber nur ein Nebenschauplatz. Die Abstimmung ist nur konsultativ. Der Skandal liegt darin, dass die Credit Suisse die Finanzkrise zwar glimpflich überstanden hatte, danach aber einen Fehler nach dem andern beging. Nicht operative Fehler, sondern strategische. Und trotzdem wird der Hauptschuldige mit einem Glanzresultat wiedergewählt.
Doch dem Gros der Investoren ist das Gebaren der Führungsriege egal. Sie kaufen CS-Aktien, um eine üppige Dividende einzustreichen. Üppig ist sie allemal, trotz milliardenschweren Verlusts, trotz unterkapitalisierter Bilanz. 70 Rappen gibts pro Aktie. Bei einem Kurs von Fr. 15.13 entspricht das einer Rendite von 4,3 Prozent.
Dabei ist das Risiko erst noch beschränkt. Die Credit Suisse gilt als «too big to fail», zu gross, um fallen gelassen zu werden. Im Notfall werden wir Steuerzahler dafür geradestehen. Die Gewinne werden privatisiert, die Verluste sozialisiert. Man kennt das. Wir Schweizer sind so dumm, die Geldhäuser zu Bankenmonstern anwachsen zu lassen, dass sie bei einem Kollaps die gesamte Volkswirtschaft in Mitleidenschaft ziehen würden – eben «too big to fail».
Apropos Altlasten: In einem Punkt gebe ich Urs Rohner recht: Man könne das neue Management nicht für Altlasten bluten lassen, sagte er an der Aktionärsversammlung. Ich gebe aber auch jenem Aktionär recht, der an der GV sagte: «Herr Rohner, Sie sind die letzte übrig gebliebene greifbare Altlast.»
Erschienen im SonntagsBlick am 30. April 2017

Claude Chatelain