Bei Leibrenten geht die Rechnung nicht mehr auf

Leibrenten sind derzeit alles andere als interessant. Die garantierte Leistung liegt bis zu 30 Prozent tiefer als bei Verträgen, die vor neun Jahren abgeschlossen wurden. Dabei sind die Produkte manchmal unverzichtbar.

Nicht alle können leben von den Renten aus der ersten und der zweiten Säule. Andere haben gar keine Pensionskasse und daher auch keine Rente von der beruflichen Vorsorge. Da schläft es sich besser, wenn man fürs Alter noch etwas auf der Seite hat. Doch wie verfahren mit diesem Geld? Im Wesentlichen gibt es drei Möglichkeiten:
Man legt das Vermögen in Wertschriften an, hofft auf schöne Kursgewinne und üppige Dividenden. Doch wie man weiss, ist das mit der Börse so eine Sache.
Sicherer ist, das Geld auf einem Bankkonto zu horten und nach und nach zu verzehren. Das mag rational betrachtet sinnvoll sein; emotional ist es problematisch: Zusehen, wie das Vermögen von Jahr zu Jahr schmilzt, ist im Alter nicht immer einfach.
Als dritte Möglichkeit gäbe es die Leibrente. Der Konjunktiv deshalb, weil man diese Produkte wegen der verhängnisvollen Negativzinspolitik der Zentralbanken kaum mehr empfehlen kann.
Eine Leibrente versichert das Langleberisiko
Leibrenten haben einen gewichtigen Vorteil: Sie werden bis ans Lebensende bezahlt. Sie versichern, fachtechnisch ausgedrückt, das Langleberisiko. Man braucht sich nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, ob das Geld reicht. Viele Rentnerinnen und Rentner trachten nicht nach rentablen Produkten; sie wollen sorglos einschlafen können. Deshalb sind auch die befristeten Auszahlungspläne, die heute als Alternative zu Leibrenten angeboten werden, nicht wirklich eine Alternative.
Rentenversicherung      
Leibrenten sind seit der Finanzkrise massiv gesunken: Die Leistungen liegen um 29 bis 40 Prozent tiefer als im April 2008.
  Rente garantiert April 2008 Gesamtrente nicht garantiert April 2008 Rente garantiert April 2017 Gesamtrente nicht garantiert April 2017 Kürzung garantierte Rente Kürzung Gesamtrente
65-jähriger Mann in Fr. pro Jahr in Fr. pro Jahr in Fr. pro Jahr in Fr. pro Jahr In % In %
Basler 13001 15197 10341 12002 20.5 21.0
Swiss Life 13932 15931 9726 12450 30.2 21.9
Axa 13322 15377 9662 9662 27.5 37.2
Helvetia 13052 15686 10163 11457 22.1 27.0
Zürich 12927 15697 9601 10468 25.7 33.3
             
Mit 65 zahlt ein Mann der Versicherung 300'000 Franken. Dafür erhält er lebenslänglich eine garantierte Rente plus nicht garantierte Überschüsse
Quelle: Info4sinsider.ch          
 
   
Leibrenten gibt es in diversen Varianten. Hier ist lediglich von der sofortbeginnenden die Rede, bei der man die gesamte Prämie auf einen Schlag bezahlt und sogleich die erste Rente bekommt. Bei der aufgeschobenen Version zahlt man heute die Prämie und bezieht die erste Rente dann später. Zudem kann man Rentenversicherungen auf ein oder auf zwei Leben abschliessen. Bei all diesen Typen stellt der Versicherer noch Überschüsse in Aussicht, die aber nicht garantiert sind.
Die höchste Garantie ist derzeit bei der Basler zu haben: Bei einer Einmaleinlage von 300'000 Franken sind es für einen 65-jährigen Mann 10'341 Franken pro Jahr. Man rechne: Parkiert man stattdessen die 300'000 Franken auf einem Bankkonto und hebt davon jährlich 10'341 Franken ab, so reicht das Geld 29 Jahre. Also bis ins stolze Alter von 94 Jahren. Dabei ist diese Prozedur erst noch steuerfrei. Leibrenten sind dagegen zu 40 Prozent als Einkommen zu versteuern.
Vor der Finanzkrise war das noch anders. Die garantierte Rente liegt heute um 20 bis 30 Prozent tiefer als vor neun Jahren.
Wer 2008 mit der Gesamtrente inklusive Überschüssen rechnete, wird heute enttäuscht sein. Auf den im Jahr 2008 abgeschlossenen Verträgen zahlt Helvetia seit letztem und Swiss Life seit diesem Jahr keine Überschüsse mehr. Die Basler, um ein anderes Beispiel zu nennen, zahlt immerhin noch einen Überschuss von 660 Franken.
Überschüsse wecken falsche Erwartungen
Die Überschüsse spiegeln die Prognosen der Versicherer. Prognosen über den Risikoverlauf und Prognosen über die zu erwartenden Finanzmarkterträge. Der Risikoverlauf, in diesem Fall die Lebenserwartung der Versicherten, lässt sich ziemlich genau vorhersagen. Gewaltig getäuscht haben sich die Versicherungsgesellschaften bei den Finanzmarktrenditen. Oder sie stellten bewusst zu hohe Überschüsse in Aussicht, um das Angebot zu verschönern.
Versicherungskunden ist daher zu empfehlen, einzig und allein auf die garantierte Leistung zu achten. Und die Versicherer müssen sich die Frage gefallen lassen, ob es nicht ehrlicher wäre, vom Publizieren solcher Überschüsse abzusehen, statt falsche Erwartungen zu wecken. Das hat sich wohl auch die Axa-Winterthur gesagt: Sie stellt bei den heutigen Offerten keine Überschüsse in Aussicht.
Erschienen in der BZ am 4. April 2017

Claude Chatelain