Altersvorsorge schon mit 20?

„Früh übt sich, was ein Meister werden will“. Ob das Schiller-Zitat von Wilhelm Tell auch fürs Vorsorgesparen gilt? Fraglich. Wenn es nur ums Üben ginge, spräche vielleicht nichts dagegen. Nur dass es zum Üben das entsprechende Material braucht. Im vorliegenden Fall das Geld. Hier hapert es häufig bei den U-25.

Die Finanzindustrie hat ihre eigene Version des Schiller-Zitats: «Früh spart, wer einmal reich werden will.» Wobei diese Aussage nicht selten von Expertinnen und Experten stammt, die bei ihrer Empfehlung nicht frei von monetären Anreizen sind. Grundsätzlich gelte, so etwa im Blog der Helvetia-Versicherung zu lesen: Je früher desto besser. «Auf diese Weise nützt man den Zinseszins-Mechanismus am effektivsten aus und reduziert den Kapitaleinsatz», rät Eric Gfüllner, Vorsorge-Experte bei der Helvetia. Er empfiehlt deshalb, bereits vom ersten Lohn etwas auf die Seite zu legen. Wie viel Geld eingesetzt wird, ist zu Beginn sekundär: «Bereits 100 Franken pro Monat sind ein guter Start.»

 

Weil Vorsorge-Experten bei ihren Ratschlägen befangen sind, seien hier auch neutrale Experten befragt: Für Rudolf Strahm, Ökonom und Kolumnist im Tages-Anzeiger, ist das Alterssparen ab Alter 20 wegen der  längeren Lebenserwartung nachvollziehbar. Allerdings sei die dritte Säule die teuerste und riskantere aller Vorsorgezweige. «Sie nützt vor allem der Privatassekuranz.»

 

Monika Bütler findet, dass die Alterssicherung „schon heute einen sehr sehr langen Horizont“ habe. «Ich möchte diesen für die Jungen nicht auch noch verlängern. Die Ausbildung ist letztlich noch viel wichtiger.» Der von der Volkswirtschaftsprofessorin der Uni St. Gallen genannte «lange Horizont» erstreckt sich über 40 Jahre, von 25 bis 65 Jahren. Ab Alter 25 beginnt laut Bundesgesetz über die berufliche Vorsorge (BVG) der Sparprozess. Jedem Angestellten mit einem Jahreslohn von mindestens 21’150 Franken wird vom Lohn ein bestimmter  Betrag abgezwackt. Mindestens den gleich hohen Betrag wird zudem der Arbeitgeber besteuern.

 

All diese Sparbeiträge, genannt Altersgutschriften, werden Jahr für Jahr angelegt und verzinst. Das über die Jahre angesparte Geld, das man im Alter auf einen Schlag oder mit regelmässigen Renten bis ans Lebensende beziehen kann, ist die zweite Säule. Die erste Säule ist die AHV. Und die dritte Säule ist das freiwillige Vorsorgesparen, das dafür sorgen soll, dass man im Alter keine Einkommenseinbussen erfährt.

 

Es gibt keine Regel, wann man mit dem Aufbau dieser dritten Säule beginnen soll. Das ist nicht eine mathematische Frage, wie das Finanzberater glaubhaft machen wollen. Es ist eine Frage der persönlichen Einstellung und des Wohlbefindens. Zudem ist überhaupt nicht gesagt, dass man das 65. Altersjahr erreichen wird. Gewiss, die Lebenserwartung ist in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen. Dennoch: Im Jahr 2012  starben 19 Prozent der Männer und 10 Prozent der Frauen vor dem 65.Altersjahr; 1950 lagen die entsprechenden Anteile bei 44 Prozent beziehungsweise 34 Prozent.

 

Zudem ist überhaupt nicht gesagt, dass man das 65. Altersjahr erreichen wird. Gewiss, die Lebenserwartung ist in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen. Dennoch: Im Jahr 2012  starben 19 Prozent der Männer und 10 Prozent der Frauen vor dem 65.Altersjahr; 1950 lagen die entsprechenden Anteile bei 44 Prozent beziehungsweise 34 Prozent.

 

 

Zwei Möglichkeiten

Wer trotzdem bereits mit 20 fürs Alter vorsorgen will, hat grundsätzlich zwei Möglichkeiten:

  • das gebundene, steuerbegünstigte Sparen 3a
  • das freie Sparen 3b.

Das Sparen 3a ist eine Art Zucker und Peitsche: Der Zucker offenbart sich in der steuerlichen Begünstigung: Männer und Frauen unter 25 können bis 20 Prozent des Reineinkommens, maximal 33840 Franken im Jahr, auf ein Konto 3a einer Bank einzahlen und dann vom steuerbaren Einkommen in Abzug bringen. Zahlt man einer Pensionskasse Sparbeiträge, meistens ab 25, so beträgt der maximale Steuerabzug 6768 Franken.

Die Peitsche manifestiert sich in der eingeschränkten Verfügbarkeit des Ersparten. Es kann erst fünf Jahre vor dem ordentlichen AHV-Alter bezogen werden. Mit drei Ausnahmen: Man macht sich selbstständig, man wandert aus oder man kauft sich ein Eigenheim, in welchem man auch selber wohnen wird. Neben 3a-Konti bei Banken gibt es auch 3a-Policen von Versicherungen. Sie sind nicht zu empfehlen. Sie enthalten einen Versicherungsschutz gegen Tod, den man in jungen Jahren nur in den seltensten Fällen braucht. Zudem sind 3a-Policen teuer, intransparent und unflexibel.

 

Wem die Peitsche mehr schmerzt, als dass der Zucker zu verführen vermag, wird sich fürs freiwillige Sparen 3b entscheiden. Da kann man das Geld ohne Einschränkung jederzeit wieder beziehen, hat dafür keine steuerlichen Vorteile. Am besten geht das mit einem Fondssparplan. Anlagefonds setzten sich aus einer Vielzahl von Wertschriften zusammen. Bei einem Fondssparplan gibt man der Bank den Auftrag, jeden Monat einen bestimmten Betrag in einen bestimmten Fonds zu investieren. Der Wert eines Fonds schwankt mit dem Wert der Wertschriften, die im Fonds enthalten sind. Wie man weiss, verlieren Aktien mitunter an Wert. Wie man aber ebenfalls weiss, haben Aktien langfristig eine steigende Tendenz. Mit Fondssparplänen lassen sich typische Anlegerfehler vermeiden, nämlich das Kaufen und Verkaufen zum falschen Zeitpunkt. Das Investieren in Fondssparplänen führt zu einem antizyklischen Verhalten. Weil man immer den gleichen Betrag investiert, gibt es bei steigenden Kursen weniger und bei sinkenden Kursen mehr Fondsanteile.

 

Erschienen in der Bildungsbeilage vom Tagi am 27. März 2017


Claude Chatelain