Gopfried Stutz: Bei nachhaltigen Anlagen ist der Etikettenschwindel programmiert

Nachhaltigkeit ist derzeit in Politik und Wirtschaft ein grosses Thema. Es geht darum, nur in Firmen zu investieren, die ökologische, soziale und ethische Grundregeln befolgen.

Während es für Privatanleger schon längst grüne oder eben nachhaltige Anlagefonds gibt, wollen nun auch Pensionskassen und andere Grossanleger vermehrt aufgrund nachhaltiger Prinzipien investieren.
Auch die Politik befasst sich eifrig mit dem Thema: Bundesrat, EU, G-20 – alle haben sie schon Richtlinien und Strategien entworfen. Der vor einem Jahr gegründete Schweizer Verein für verantwortungsbewusste Kapitalanlagen, dem sieben grosse Vorsorgeeinrichtungen angehören, nannte vor zwei Wochen auf seiner Internetseite die Namen von 15 Rüstungskonzernen, in die man nicht investieren sollte. Und letzte Woche war ich an einem Anlass von Swiss Sustainable Finance, einem anderen Verein, der sich mit nachhaltigen Anlagen beschäftigt. Der Anlass richtete sich an Anlageberater.
Eine internationale Vermögensverwaltungsfirma will nämlich herausgefunden haben, dass Anlageberater weniger Gewicht auf nachhaltige Aspekte legen als Anleger. Stimmt das? Haben Sie, liebe Leser, diese Erfahrung auch gemacht? Es nähme mich wunder.
Nach dem Anlass sagte mir ein Banker, dass es für Anlageberater ein Tabu sei, politische Themen anzusprechen. «Über Politik und Religion spricht man nicht in einem Beratungsgespräch», sagte er mir. Wer den Klimawandel, die Umweltschäden durch fossile Energieträger oder die zweifelhaften Herstellungsmethoden gewisser Produkte in gewissen Ländern anspreche, begebe sich auf Glatteis. Immerhin gibt es Banken, die beim ersten Kundenkontakt ein Formular ausfüllen lassen, auf dem man ankreuzen kann, ob man an nachhaltigen Anlagen interessiert sei. Das finde ich schon mal nicht schlecht.
Problematischer finde ich die Verwässerung des Begriffs Nachhaltigkeit. Es gibt keine einheitliche Definition. Und weil der Begriff für etwas Gutes steht, ist der Etikettenschwindel programmiert. Es kann durchaus sein, dass ein Ökofonds Aktien von Ölkonzernen kauft, falls der Konzern umweltverträgliche Massnahmen ergreift.
«Um auch wirklich den eigenen Vorstellungen entsprechend nachhaltig zu investieren, ist es wichtig, dass die Anleger die Angebote kritisch prüfen», rät der WWF. Doch ich frage mich: Wie will der Laie dies tun? Bei der Vielfalt der Angebote und der unterschiedlichsten Ansätze braucht es dazu profunde Kenntnisse. Nicht nur der Laie, auch der Anlageberater dürfte überfordert sein, zumal er in den meisten Fällen sowieso nur den Nachhaltigkeitsfonds des eigenen Hauses empfiehlt.
Und wenn wir schon beim Thema sind: Sagt der Bankkunde: «Ich möchte meinen Berater sprechen.» – «Der ist nicht da.» – «Aber ich habe ihn doch durchs Fenster gesehen.» – «Möglich. Aber er hat Sie wohl zuerst gesehen.»
Erschienen im SonntagsBlick am 26. März 2017

Claude Chatelain