Vorsorgeausweis unter der Lupe

Wer bei einer Pensionskasse versichert ist, erhält im Frühjahr von der Vorsorgeeinrichtung den Versicherungsausweis. Er enthält eine Fülle wichtiger und interessanter Zahlen.

Die zweite Säule ist ein kompliziertes Konstrukt. Zudem ist es mit Fachausdrücken durchsetzt. Das ist nicht die Schuld der Vorsorgeeinrichtungen. Im Gegenteil: Manche unter ihnen sind durchaus bemüht, Transparenz zu schaffen. Sie versuchen das unter anderem mit dem Versicherungsausweis. Dabei ist ihnen freigestellt, wie sie diesen gestalten wollen. Als Beispiel sei hier ein Musterausweis der Bernischen Lehrerversicherungskasse (BLVK) dargestellt.
Die Rente im Alter
Als Erstes möchte man wohl erfahren, wie hoch die Rente im Alter ausfallen wird. Die BLVK zeigt das übersichtlich auf – und zwar nicht nur für Pensionierungen ab dem ordentlichen AHV-Alter, sondern auch für Frühpensionierungen ab Alter 58. Mit dem prognostizierten Sparguthaben und den heute gültigen Umwandlungssätzen ist für die Versicherten leicht ersichtlich, wie sich die Rente errechnet. Nicht alle Vorsorgestiftungen zeigen das auf ihren Versicherungsausweisen so anschaulich auf.
Spezialfall Scheidung
Nicht immer entspricht die maximal mögliche Einlage beziehungsweise der maximale Einkauf demjenigen Betrag, mit dem man sich freiwillig einkaufen kann. Bei Geschiedenen gelten Sonderregeln. Sie können den Teil, den sie im Scheidungsverfahren dem Ehepartner abtreten mussten, immer wieder in die Pensionskasse überweisen und vom steuerbaren Einkommen in Abzug bringen. Man nennt dies Vorsorgeausgleich aus Scheidung. So gibt es Vorsorgeeinrichtungen, die diesen Vorsorgeausgleich aus Scheidung separat aufführen, so irreführend dies auch sein mag. Dies mit der Konsequenz, dass der maximale freiwillige Einkauf faktisch höher ist als angegeben.
Freilich muss man wissen, dass die prognostizierten Renten mit Vorbehalt zu interpretieren sind. Das gilt insbesondere für Versicherte, deren Pensionierung nicht in Bälde erfolgt. Der Umwandlungssatz kann über die Zeit nach unten geschraubt werden, was zu einer tieferen Rente führt. Auch der technische Zins kann sich im Verlauf der Jahre verändern. Er beträgt bei der BLVK zwei Prozent. Mit diesem Zins wird das vorhandene Guthaben aufgezinst, was zum Sparguthaben im Alter führt.
Das vorhandene Guthaben heisst bei der BLVK Austrittsleistung. Andere Kassen sprechen von der Freizügigkeitsleistung oder vom Sparkapital. 

Interessant ist die Position «Altersguthaben nach BVG». Es ist dies das Guthaben, das im Rahmen des gesetzlichen Obligatoriums angehäuftwurde. Altersleistung minus Altersguthaben nach BVG ergibt das überobligatorische Guthaben, das hier nicht explizit ausgewiesen wird. Es beläuft sich auf 204 694 Franken. Somit ist das überobligatorische Guthaben bei der BLVK fast doppelt so hoch wie das obligatorische. Daraus darf man schliessen, dass die Versicherten im Alter mit überdurchschnittlichen Leistungen rechnen können.
Die Relativierung des Umwandlungssatzes
Um einen Bogen zur aktuellen Altersreform zu schlagen: Wenn die Räte über eine Senkung des Umwandlungssatzes debattieren, so geht es dort nur um den obligatorischen Teil. Wie hoch der Umwandlungssatz im überobligatorischen Teil ausfällt, liegt im Ermessen der Vorsorgeeinrichtung. Ist für eine Kasse der gesetzliche Mindestumwandlungssatz zu hoch, wird sie das überobligatorische Kapital mit einem entsprechend tieferen Satz in eine Rente umwandeln. Das relativiert die zum Teil hitzigen Diskussionen über die Senkung des gesetzlichen Mindestumwandlungssatzes.
Wichtige Frankenbeträge sind unter der Rubrik «Risikoleistungen» zu finden. Was häufig vergessen geht: Pensionskassen sind nicht nur eine Versicherung fürs Alter, sondern auch eine Versicherung gegen Tod und Invalidität. Ist die Familie beim Tod genügend abgesichert? Bei der AHV beträgt die maximale Witwenrente 1880 und die maximale Waisenrente 940 Franken. Addiert man diese Beträge mit der Lebenspartnerrente und der Waisenrente der Pensionskasse, wie sie eben auf dem Versicherungsausweis ausgewiesen werden, kommt man auf das gesamte Renteneinkommen.
Der AHV-Abzug
Der versicherte Verdienst ist jener Betrag, auf welchem die Lohnabzüge berechnet werden. Die BLVK zeigt sogar die Herleitung auf. Er ergibt sich aus dem Jahreslohn abzüglich des Koordinationsbeitrags. Wieder so ein erklärungsbedürftiges Wort: Mit dem Koordinationsabzug werden die Renten der AHV und der Pensionskasse koordiniert und dem Umstand Rechnung getragen, dass ein Teil des Einkommens bereits durch die 1. Säule, der AHV, versichert ist. Man könnte ihn auch AHV-Abzug nennen.

 

Manche möchten wissen, wie weit man sich noch einkaufen kann. Das ist nicht nur deshalb interessant, weil man dadurch im Alter mit einer höheren Rente oder einem höheren Kapital rechnen kann. Besonders beliebt sind freiwillige Einkäufe, weil sie vom steuerbaren Einkommen abgezogen werden können. Einkaufen kann sich nur, wer eine Einkaufslücke aufweist. Solche entstehen durch Lohnerhöhungen oder Scheidungen. Im vorliegenden Fall ist die Versicherte voll einkauft. Sie könnte ihre Leistungen nicht mit freiwilligen Einkäufen aufbessern.
Erschienen in der BZ am 19. März 2017

Claude Chatelain