Gopfried Stutz: Witwe, kinderlos - und trotzdem gibts eine Rente

Frau, verheiratet, kinderlos, berufstätig, gut verdienend, Ü45. Ein solcher Steckbrief trifft auf immer mehr Frauen zu. Der Emanzipation sei Dank. Vieles hat sich verändert in den letzten Jahrzehnten. Nicht verändert hat sich aber die soziale Absicherung. 

Stirbt der Mann, erhält die Frau von der AHV eine Witwenrente. Selbst wenn sie keine gemeinsamen Kinder haben. Voraussetzung: Die Frau ist beim Tod ihres Mannes mindestens 45 Jahre alt und war mindestens fünf Jahre mit ihm verheiratet. Die maximale Witwenrente beträgt derzeit 1880 Franken pro Monat.
Kommt hinzu: Laut geltendem Recht muss sich die Witwe nicht mit den genannten 1880 Franken begnügen. Auch die Pensionskasse des verstorbenen Mannes wird ihr eine Rente zahlen. Dabei gelten die gleichen Bedingungen wie bei der AHV: mindestens 45 Jahre alt beim Tod des Mannes und mindestens fünf Jahre Ehe.
Unter Umständen müssen AHV und Pensionskasse noch je eine zweite Witwenrente ausrichten – und zwar für die Ex-Frau. Denn geschiedene Frauen haben beim Tod ihres Ex-Mannes ebenfalls Anspruch auf eine Rente. Freilich muss bei geschiedenen Witwen die Ehe nicht fünf, sondern zehn Jahre gedauert haben. Und was die Pensionskasse betrifft, muss der geschiedene Ehegatte laut Scheidungsurteil Anspruch auf nacheheliche Unterstützungsbeiträge geltend machen. Die Pensionskasse muss nur so lange und in dem Umfang eine Geschiedenenwitwenrente zahlen, als die Frau von ihrem verstorbenen Ex-Mann Anspruch auf Ehegattenalimente gehabt hätte.
Der Bundesrat findet das nicht mehr zeitgemäss. Er will im Rahmen der Altersvorsorge 2020 die Hinterlassenenrente für kinderlose Witwen abschaffen. Auch Witwen erwachsener Kinder sollen künftig leer ausgehen. Anspruch auf eine Rente sollen künftig nur noch Mütter unterstützungspflichtiger Kinder haben. Oder präziser: Mütter von «waisenrentenberechtigten» Kindern. Doch laufende Witwenrenten, das sei ausdrücklich betont, sollen weder gekürzt noch gestrichen werden.
Der Ständerat will von solchen Abstrichen nichts wissen. Auch linke Nationalrätinnen machten sich jüngst für kinderlose Witwen stark. Ausgerechnet sie stützten so das traditionelle Gesellschaftsmodell.
Sollte der Mann nicht aufgrund einer Krankheit, sondern bei einem Unfall ums Leben gekommen sein, so ist übrigens alles anders. Gemäss Unfallversicherungsgesetz (UVG) erhält die kinderlose Witwe von der Unfallversicherung ihres Mannes unabhängig der Ehejahre eine Rente, sofern sie beim Unglück das 45. Altersjahr zurückgelegt hat. Daran wird sich vorderhand nichts ändern, was immer die Räte dieser Tage beschliessen werden.
Und ja: Auch Witwer bekommen von der AHV eine Hinterlassenenleistung, aber nur, bis das jüngste Kind 18-jährig ist.
Erschienen im SonntagsBlick vom 12. März 2017

Claude Chatelain