Ein Richtwert für Dividenden mit Potenzial

Aktien mit hohen Dividenden sind derzeit gefragter denn je. Doch auf der Suche nach Dividendenperlen sollte man nicht nur auf die Rendite achten, sondern auch auf die Payout-Ratio.
Früher kaufte Obligationen, wer zur Aufbesserung seines Budgets auf einen Ertrag angewiesen ist. Im heutigen Zinsumfeld ist das schwierig geworden. Eine Alternative zu Obligationen sind Aktien von Unternehmen mit hohen Dividenden.
Doch Urs Beck ist kein Freund von Dividendenperlen. Der Manager des «New Capital Swiss Select Equity Fund» vermutet bei solchen Aktien mit hohen Dividenden eine Blasenbildung. Hervorgerufen durch die grosse Nachfrage. Doch Urs Beck ist ein Fondsmanager und in dieser Funktion ein aktiver Trader. Ihn interessiert nicht die Dividende. Ihn interessiert der Total Return – also Kursgewinn und Dividende zusammen. Was für den Fondsmanager gut ist, muss nicht auch für Privatanleger sinnvoll sein. Wer aber nach hohen Dividenden trachtet, sollte nicht nur auf die Rendite achten, sondern auch auf die Ausschüttungsquote. Die sogenannte Payout-Ratio ergibt sich aus der Dividendenausschüttung in Relation zum Unternehmensgewinn. Wenn also eine Aktiengesellschaft einen Gewinn von 500 Millionen Franken erwirtschaftet und davon 200 Millionen an die Aktionäre verteilt, so beträgt die Ausschüttungsquote 40 Prozent.
«Je höher die Payout-Ratio, desto schwieriger wird es für ein Unternehmen, die Dividende zu erhöhen», sagt Gilles Bey von der Valiant-Bank. Ideal sei eine Ausschüttungsquote zwischen 30 und 50 Prozent. Viele Investoren erwarten, dass ein Unternehmen die Dividende von Jahr zu Jahr erhöht. Das Dreigestirn der Schweizer Börse – Nestlé, Roche, Novartis – konnte die Erwartung der Investoren bisher weitgehend erfüllen. Doch weil der Gewinn nicht in jedem Fall gleich steil gestiegen ist wie die Dividende, nahm die Ausschüttungsquote laufend zu. Bei Novartis liegt sie bereits bei über 96 Prozent.
Fälle mit hoher Ausschüttung
Gilles Bey sieht in diesem konkreten Fall kein Problem. Der Pharmariese hat angekündigt, seine milliardenschwere Beteiligung an Roche zu verkaufen. Angekündigt hat Novartis auch ein Aktienrückkaufprogramm. Zwei gute Nachrichten für Anleger, die auf überdurchschnittliche Dividenden aus sind. Urs Beck von EFG hält trotzdem nichts vom Pharmagiganten. Aber eben: Beck ist ein aktiver Fondsmanager. Ihn interessiert die Gesamtrendite und insbesondere das Kurspotenzial.
Hohe Ausschüttungsquoten können ein Alarmzeichen sein, müssen aber nicht. Gilles Bey denkt etwa an APG oder Swisscom. Die auf Aussenwerbung spezialisierte APG ist in einem Geschäftsfeld tätig, in dem keine grösseren Investitionen anstehen. Auch bei Swisscom sind keine kapitalintensiven Investitionen zu erwarten. «Swisscom kann im Schweizer Markt kaum mehr wachsen», weiss Gilles Bey. «Der Aktienkurs hat mangels Wachstumsfantasie kaum Potenzial, deshalb müssen Anleger mit hohen Dividenden bei Laune gehalten werden.»
Wie bei Börsianern üblich, können die Meinungen diametral auseinandergehen. Laut Urs Beck lässt man von der Dividendenperle Swisscom lieber die Hände. «Swisscom hat ein strukturell schrumpfendes Businessmodell», sagt der Fondsmanager von der EFG Asset Management.
Atemberaubende Rendite
Bei der Zurich-Versicherung ist die Ausschüttung sogar höher als der Gewinn. Eine nachhaltige Dividendenpolitik sieht anders aus. Doch die Zurich hat überschüssige Reserven, was eben zur atemberaubenden Dividendenrendite von über 6 Prozent führt. «Jedem Anleger ist klar, dass diese Rendite langfristig nicht Bestand haben kann», bemerkt der Portfolio-Manager der Valiant-Bank. Mittelfristig peilt die Zürich eine Payout-Ratio von 75 Prozent an.
Viele Unternehmen haben traditionell eine tiefe Payout-Ratio, vor allem in Wachstumsbranchen. Sie wollen den Gewinn lieber investieren, als ihn an die Aktionäre zu verteilen. Andere Unternehmen haben nur vorübergehend tiefe Ausschüttungen. Sie könnten für Dividendenpicker interessant sein. Swiss Life zum Beispiel hat für einen Lebensversicherer eine unterdurchschnittliche Quote von knapp 31 Prozent. Der Lebensversicherer hat Akquisitionen getätigt, sodass er eine zurückhaltende Dividendenpolitik fahren musste. Für Gilles Bey ist Swiss Life der klassische Fall einer Aktie mit Dividendenpotenzial.
Erschienen in der BZ am 7. März 2017

Claude Chatelain