Gopfried Stutz: Zum Gedenken an den 7. März 2010

Erinnern Sie sich an den 7. März 2010? Ich helfe nach: Es war ein Sonntag, ein Abstimmungssonntag. Heute, fast auf den Tag sieben Jahre danach, wollen wir dieses historischen Datums gedenken. 73 Prozent der Stimmbürger beschlossen, den Umwandlungssatz in der beruflichen Vorsorge nicht zu senken. Es war eine riesige Blamage für Bundesrat und Parlament. Heute würde man Elite sagen.
Weil wir alle immer älter werden und die Finanzmärkte nicht mehr das hergeben, was sie früher taten, beschloss die Elite, den gesetzlichen Mindestumwandlungssatz von 6,8 auf 6,4 Prozent zu senken. «Nicht mit uns», sagten die Gewerkschaften, ergriffen das Referendum und lancierten die «Rentenklau-Debatte».
Drei Punkte sind bemerkenswert:
1. Die Mehrheit der Eidgenossen wusste gar nicht, was der Umwandlungssatz ist.
2. Eine noch grössere Mehrheit wusste nicht, dass der gesetzliche Umwandlungssatz nicht viel aussagt.
3. Ganz viele Rentner wussten nicht, dass ihnen die Rente gar nicht geklaut worden wäre.
Zu Punkt eins: Meine beleidigende Behauptung, dass sich die Mehrheit unter uns auf die Wortschöpfung «Umwandlungssatz» keinen Reim machen kann, lässt sich wissenschaftlich belegen. Ein gutes Jahr nach der genannten Abstimmung führte Axa Investment Managers eine Umfrage über das Wissen der zweiten Säule durch. Sie fragte: «Stimmt folgende Aussage? Mit dem sogenannten Umwandlungssatz berechnet man die jährliche Rente in Prozent des gesamten Alterskapitals. Bei einem Alterskapital von 100 000 Franken und einem Umwandlungssatz von 6,8 Prozent ergibt sich eine jährliche Rente von 6800 Franken.» Nur 43 Prozent wussten, dass die Aussage richtig ist.
Zu Punkt zwei: Zur Abstimmung gelangte nur der gesetzlich vorgeschriebene Mindestumwandlungssatz. Damit wird aber nur jenes Kapital in eine Rente umgewandelt, das im Rahmen des gesetzlichen Obligatoriums angespart wird. Doch um die 80 Prozent der Versicherten haben mehr angespart als vorgeschrieben. Solch überobligatorisches Guthaben entsteht, wenn zum Beispiel die Arbeitnehmer- oder Arbeitgeberbeiträge über dem gesetzlichen Minimum liegen. Die Höhe des Umwandlungssatzes auf diesem überobligatorischen Guthaben liegt im Ermessen der Vorsorgeeinrichtung. Das führt dazu, dass schon damals, im März 2010, die meisten Kassen das Kapital zu einem tieferen Satz als die besagten 6,8 Prozent umwandelten. In der Politshow des Schweizer Fernsehens – auch bekannt als «Arena» – wurde dieses Phänomen des Überobligatoriums mit keinem Satz erwähnt.
Zu Punkt drei: Mit der «Rentenklau-Debatte» entstand der Eindruck, dass bestehende Renten gekürzt werden, was jedoch keinesfalls der Wille der Elite war. Nur künftige Renten hätten gekürzt werden sollen. Etwas, was man nicht hat, kann nicht geklaut werden. Heute nennt man dies «alternative Wahrheit». Wer hat das Lügen erfunden? Donald Trump wars nicht.

Erschienen im SonntagsBlick am 5.März 2017

Claude Chatelain