Gopfrid Stutz: Hände weg von Strukis

Was hat die börsenkotierte Leonteq mit der grundsoliden Genossenschaftsbank Raiffeisen gemein? Auf den ersten Blick nicht viel. Auf den zweiten eine ganze Menge.
Zunächst der Fall Leonteq: Gründer und CEO Jan Schoch hat die Investoren mit einem Einbruch des Gewinns massiv enttäuscht. Der Aktienkurs fällt ins Bodenlose: Kostete die Aktie Mitte 2015 noch 230 Franken, ist sie heute für 27 Franken zu haben.
Leonteq konstruiert und vertreibt hochkomplexe Finanzvehikel, bekannt als strukturierte Produkte oder ganz einfach Strukis. Kaum jemand versteht sie, schon gar nicht der Anlageberater, der diese Ware unter die Leute bringt.
Wenn es ABB, Credit Suisse, Ems-Chemie, Geberit, Roche oder Swisscom schlecht geht, darf uns das nicht egal sein. Sie stellen Güter her, die unserer Gesellschaft Nutzen bringen. Oder sie liefern Dienstleistungen, die für eine funktionierende Wirtschaft unentbehrlich sind. Diese Ansprüche vermag Leonteq nicht zu erfüllen, denn auf Strukis können wir getrost verzichten. Es liesse sich sogar sagen: Der Welt ginge es besser, wenn es solche Dinger nicht gäbe. Wer erinnert sich nicht an Lehman Brothers? Der Konkurs der New Yorker Investmentbank löste 2008 die globale Finanzkrise aus. Auch in der Schweiz verloren viele wegen dieser Pleite Geld. Als wäre nichts gewesen, werden heute wieder im grossen Stil Strukis verkauft. Ihre angeblich hohen Renditen sind verführerisch.
Schon der Nobelpreisträger Milton Friedman sagte: «There ain't no such thing as a free lunch.» Frei übersetzt: So etwas wie ein Gratisessen gibt es nicht. Will heissen: Hohe Renditen müssen mit hohen Risiken erkauft werden. Fazit: Strukis sind nichts für Anleger. Sie sind etwas für Spekulanten.
Ein Finanzplaner, der von so spekulativen Produkten nichts wissen will, erzählte mir, dass er mit der Vermittlung von Strukis eine Kommission von vier Prozent erziele. Es sei nicht immer einfach, darauf zu verzichten.
Auf üppige Kommissionen nicht verzichten wollen auch die Raiffeisenbanken. Mir ist längst aufgefallen, dass sie eine Schwäche für Strukis haben. Auf den ersten Blick ist das erstaunlich. Die Raiffeisenbanken sprechen eine bodenständige, eher konservative Kundschaft an. Eine, die auf Sicherheit bedacht ist. Möchte man meinen.
Auf den zweiten Blick ist kaum verwunderlich, weshalb gerade die Genossenschaftsbank eine Vorliebe für strukturierte Produkte bekundet. Pierin Vincenz war bis 2015 der starke Mann der Raiffeisengruppe. Und: Er sass gleichzeitig auch im Verwaltungsrat von Leonteq. Seit einem Jahr ist er deren Präsident. Auch Patrik Gisel, der Nachfolger von Vincenz bei Raiffeisen, sitzt im Verwaltungsrat der Struki-Bude. Mehr noch: Raiffeisen ist mit 29 Prozent an Leonteq beteiligt.
Ist irgendjemand erstaunt, dass gerade die Raiffeisenbanken auf Strukis setzen? Ich nicht mehr.
Erschienen im Sonntagsblick am 19. Februar 2017

Claude Chatelain