Gopfried Stutz: «Selber schuld», sagt der Prinz zur Hexe

Der «Beobachter» druckte kürzlich das «Märchen von der hohen Rendite». Man kann sich denken, wer in diesem Märchen der Prinz und wer die böse Hexe ist.
Der Prinz ist ein «gutgläubiger» Mann, der sich zum Abschluss einer fondsgebundenen Lebensversicherung verführen liess. Die Hexe ist die Beraterin, die ihm angeblich nicht gesagt hat, dass die Börse auch runtergehen kann. Das war im Jahr 2000.

Solche Geschichten lesen sich als tiefer, müder Seufzer. Sie hören sich immer gleich an: Da ist ein Versicherungsverkäufer, der dem Kunden eine Sparversicherung schmackhaft macht. Viele Jahre später bereut es der Versicherte und sagt, man habe ihm nicht die Wahrheit gesagt.


Im Beispiel des «Beobachters» ging es um eine sogenannte Einmalprämienversicherung. Das heisst, man zahlt die Prämie nicht in Jahresbeiträgen, sondern auf einen Schlag. 32'000 Franken hatte der Mann der Swiss Life überwiesen. Nach 15 Jahren hätten daraus bei einer durchschnittlichen Rendite von 7,45 Prozent wie durch ein Wunder 97 000 Franken werden sollen. Doch der Prinz erhielt 2016 nur 20'277 Franken. Unglaublich.

In all den Jahren, in denen ich den Versicherungsmarkt beobachte, sind mir zig solche Beispiele erzählt worden. «Kassensturz», «K-Tipp», diverse Tages- oder Wochenzeitungen und eben auch der «Beobachter» haben wiederholt vor dem Abschluss solcher Versicherungen gewarnt. Früher konnte ich mich über die dreisten Versprechen der Versicherer noch aufregen. Heute nicht mehr. Ich bin wohl abgestumpft. Ich sage mir: Wer sich nicht informiert und einem provisionsgetriebenen Verkäufer Vertrauen schenkt, ist selber schuld.

Seit der Finanzkrise jedoch hat die Sicherheit bei vielen Versicherten oberste Priorität. Gewisse Anbieter haben deshalb damit angefangen, fondsgebundene Einmalprämienversicherungen mit einer garantierten Erlebensfallleistung auszustatten. Etwas von seinem Geld soll der Kunde in jedem Fall wiedersehen dürfen. Ein Beispiel: Gemäss dem Vergleichsdienst Info4Insider prognostiziert Liechtenstein Life bei einer Einmaleinlage von 100'000 Franken eine Auszahlung von 138'936 Franken. Wirklich garantiert wird aber lediglich ein Erlebensfallkapital von 72'585 Franken. Die Laufzeit beträgt zehn Jahre. Wer der Prognose mehr glaubt als der Garantie, muss sich an die eigene Nase fassen.

Immerhin hat es sich herumgesprochen, dass Renditeschätzungen von Versicherungen keinen Pfifferling wert sind. Der im «Beobachter» zitierte Prinz ist bei weitem nicht allein. Und die Einmalprämienversicherungen sind nicht mehr en vogue. Im Jahr 2000 betrug das Prämienvolumen für fondsgebundene Einmalprämienversicherungen in der Schweiz noch 1,1 Milliarden Franken. 2015 waren es noch 248 000 Franken. «Selber schuld», sagt der Prinz zur Hexe.

Erschienen im Sonntagsblick am 12. Februar 2017

Claude Chatelain