Vierte Säule: Vom «Window Dressing» können auch Private profitieren

Der Kurs der CS-Aktie verlor in den letzten zehn Tagen des alten Jahres knapp 8 Prozent. Und am ersten Handelstag des neuen Jahres kletterte er zwischendurch um über 7 Prozent in die Höhe. Was ist in der Silvesternacht passiert, dass sich Investoren über die Aussichten der zweitgrössten Schweizer Bank plötzlich derart hoffnungsfroh geben?

Nichts. Der Grund dieses irrational scheinenden Verhaltens heisst «Window Dressing», das Fenster dekorieren. Man könnte es Bilanzbereinigung nennen. Denn 2016 sackte die CS-Aktie um 32,6 Prozent in die Tiefe. Bei Firmen mit kleineren Börsenvolumen sind solche Kursschwankungen keine Seltenheit; bei grosskapitalisierten Valoren hingegen schon.

Deshalb können sich Finanzchefs oder Pensionskassenmanager nicht damit brüsten, CS-Aktien im Depot zu haben. Verwaltungs- oder Stiftungsräte könnten unangenehme Fragen stellen, wenn Dividendenpapiere mit einer derart lausigen Performance das Portefeuille verunreinigen. Also stösst man die unliebsamen Titel kurz vor Jahresende ab, um das Wertschriftendepot per Ende Jahr in einem besseren Licht erscheinen zu lassen. Eben, um das Fenster zu dekorieren.

Und weil die Aktien als Folge des «Window Dressing» innert weniger Tage massiv an Wert verloren, kaufen institutionelle Investoren die Papiere Anfang Jahr günstig zurück. Dies natürlich in der Hoffnung, dass die Aktie im angelaufenen Jahr viel Freude bereiten wird, wie sie das vor Jahresfrist auch gehofft hatten.

Von diesem Phänomen des «Window Dressing» können auch Privatanleger profitieren. Sind bei Aktien, die im Verlauf des Jahres enttäuschten, gegen Jahresende überdurchschnittliche Kursverluste zu beobachten, so liegt der Verdacht nahe, dass hier etliche Grossinvestoren ihre Fenster dekorieren. Also kauft man als Privatanleger kurz vor Jahresende den in Ungnade gefallenen Titel. Nachdem das entsprechende Papier im neuen Jahr wieder zugelegt hat, verkauft man es mit einem schönen Kursgewinn. Steuerfrei. Aber ohne Gewähr.    
 
Erschienen in der BZ am 10. Januar 2017            

Claude Chatelain