Vierte Säule: Wenn der Steuerabzug die effektiven Auslagen übertrifft

Die steuerlichen Abzugsmöglichkeiten für Kinderdrittbetreuungskosten nehmen zu: aus arbeitsmarktpolitischen Gründen.
Die steuerlichen Abzugsmöglichkeiten für Kinderdrittbetreuungskosten nehmen zu: aus arbeitsmarktpolitischen Gründen.

Vielleicht haben Sie es auch gelesen: Die zur Abstimmung kommende Unternehmens-steuerreform sieht vor, dass Unternehmen bis 150 Prozent ihrer Forschungs- und Entwicklungskosten bei den Steuern geltend machen können. Der Steuerabzug wäre somit höher als das, was die Firmen tatsächlich ausgegeben haben.

Ich frage mich, wann Politikerinnen und Politiker auf die Idee kommen, auch natürliche Personen mit Steuergeschenken zu ködern. Zum Beispiel beim Abzug für die Fremdbetreuung von Kindern. Erstaunen würde mich nichts mehr.

Bekanntlich haben wir viele gut ausgebildete Frauen, die ihr Pensum reduzieren oder sogar zu Hause bleiben, sobald sie Mutter werden. Diese Frauen fehlen auf dem Arbeitsmarkt. Schliesslich mangelt es in der Schweiz vor allem an Fachkräften. Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann hat nicht ohne Grund vor fünf Jahren eine Fachkräfteinitiative lanciert.


Schon heute werden Frauen mit steuerlichen Anreizen vom Herd weggelockt. Der Grosse Rat des Kantons Bern erhöhte auf Anfang 2016 den maximalen Abzug für die Kinderdrittbetreuung von 3100 auf 8000 Franken. Bei der Bundessteuer beträgt er sogar 10'400 Franken.

Dieser Abzug ist für Frauen sicher verlockend. Noch verlockender wäre er, wenn man den Steuerabzug auf 150 Prozent der effektiven Kosten anheben würde. Und wenn wir schon beim Ködern sind, müssten auch die Fahrtkosten für das Hin- und Zurückfahren der Kinder auf 150 Prozent der wirklichen Kosten geltend gemacht werden können.

Na ja. Jetzt, da sich das Parlament auf Druck der Wirtschaftslobby weigerte, die Masseneinwanderungsinitiative umzusetzen, ist der Druck auch nicht mehr so gross, Frauen fürs Erwerbsleben zu begeistern. Die Wirtschaftsführer können weiterhin frisch, fromm und fröhlich ausländische Fachkräfte anheuern. Letztere werden dann in die Hände spucken und frei nach Geier Sturzflug das Bruttosozialprodukt steigern. 

Erschienen in der BZ am 17. Januar 2017

Claude Chatelain