Der Senevita-Chef eilt von der einen Schlüsselübergabe zur nächsten

Hannes Wittwer, seit vier Jahren CEO der Senevita-Gruppe.
Hannes Wittwer, seit vier Jahren CEO der Senevita-Gruppe.

Die Pflegeheimgruppe Senevita übernimmt ein Heim nach dem andern. Doch die grösste Herausforderung für Chef Hannes Wittwer ist nicht die Finanzierung des starken Wachstums, es ist die Rekrutierung von Pflegefachleuten.

Herr Wittwer, als Sie vor viereinhalb Jahren die Leitung von Senevita übernahmen, zählte die Gruppe 12 Betriebe. Heute sind es 22, und in wenigen Tagen werden es 26 sein. Geht es in diesem Tempo so weiter?
Hannes Wittwer: Wir werden mit grösster Wahrscheinlichkeit weiter wachsen. Mit welchem Tempo, weiss ich nicht. In erster Linie ist unsere Expansion durch die demografische Entwicklung bedingt. Wir suchen gezielt nach geeigneten Standorten, um eine Liegenschaft für betreutes Wohnen mit einer Pflegeabteilung zu bauen. Oft werden wir von Gemeinden oder Stiftungen angefragt, die Führung von bestehenden Betrieben zu übernehmen.
Zum Beispiel?
Im Kanton Zürich übernehmen wir Anfang Jahr je einen bestehenden Betrieb in Erlenbach und in Herrliberg; im Kanton Bern je einen Betrieb in Ittigen und Zollikofen. Ich werde also in den nächsten Tagen mit Schlüsselübergaben ziemlich beschäftigt sein.
Gibt es weitere spruchreife Projekte?
Im Kanton St. Gallen sind zwei Betriebe im Bau. Weitere Angebote für betreutes Wohnen und Langzeitpflege sind in Buchs im Kanton Zürich und in Pfäffikon im Kanton Schwyz geplant.
Sie sagen «betreutes Wohnen». Ist der Begriff Altersheim zum Unwort verkommen?
Nein, denn eigentlich ist das ein schöner Begriff, weil er das «Daheim» enthält. Etwas, was wir ja unseren Bewohnenden bieten. Anderseits umschreiben unsere Begriffe «betreutes Wohnen» und Pflege besser, was wirklich unser Angebot ist. Einerseits selbstständiges Wohnen mit Dienstleistungen nach Bedarf, anderseits umfassende Betreuung und Pflege.
Das starke Wachstum muss finanziert sein. Ihre Muttergesellschaft, die französische Orpea, scheint unlimitierte Ressourcen zu haben.
Wir hatten schon vor der Übernahme durch Orpea vor zweieinhalb Jahren ein starkes Wachstum. Das hat sich nicht geändert. Neu ist lediglich, dass wir heute die Wohn- und Pflegeheime nicht nur betreiben, sondern vermehrt auch die Immobilie besitzen. Da profitieren wir von den Garantien unserer Muttergesellschaft, sodass wir für die Kreditfinanzierung vorteilhafte Konditionen bekommen. Noch wichtiger ist aber, dass wir mit der Zugehörigkeit zur Orpea den Zugang zu einem europäischen Netzwerk mit Erfahrung und Innovationen aus über 700 Betrieben erhalten.
Wie kommen Sie mit dem Fachkräftemangel zurecht?
Wenn Sie mich fragen, was die grösste Herausforderung beim Betrieb von Pflegeheimen ist, so antworte ich Ihnen: die Rekrutierung von Fachpersonal. Wir haben einen demografischen Doppeleffekt: Die Ältesten der Babyboomer kommen mehr und mehr ins Alter, wo sie unsere Dienstleistung in Anspruch nehmen. Gleichzeitig kommen die jüngsten Babyboomer mehr und mehr ins Pensionsalter, sodass sie aus dem Erwerbsleben scheiden. Das verschärft unseren Personalnotstand.
Wie lautet Ihre Antwort darauf?
Es gibt nur eins: ausbilden, ausbilden, ausbilden...
... oder das Personal im Ausland rekrutieren.
Das ist nicht immer so einfach. Im Hausdienst, in der Küche, in der Gastronomie, in der Reinigung ist es nicht schwierig, inländische oder ausländische Arbeitskräfte zu finden. Gerade in der Pflege muss die Ausbildung, die die Person im Heimatland absolvierte, hierzulande anerkannt sein. Zweitens müssen die Pflegeleute unsere Sprache sprechen. Das ist unabdingbar. Drittens müssen sie unsere Haltung und unsere Werte teilen. Das ist bei uns sehr wichtig, weil unser Mitarbeiter für die Bewohner eine wichtige persönliche Bezugsperson darstellt.
Sie werden wohl froh sein, dass die Masseneinwanderungsinitiative nicht wortgetreu umgesetzt wird.
Die jetzige Lösung ist für uns sicher ein kleineres Problem, als wenn die Initiative wörtlich umgesetzt worden wäre. Wenn nun die gültige Regelung dazu führt, dass wir arbeitslosen Schweizerinnen und Schweizern zum Beispiel in der Gastronomie eine Perspektive geben können, so finde ich das gut. Es wird uns in gewissen Berufsgruppen jedoch auch nicht schwerfallen, zu beweisen, dass wir für gewisse Tätigkeiten keine Schweizer finden.
Eine Verwandte von mir wurde von einer Rumänin betreut. Eine herzensliebe Frau. Sie sprach nicht so schlecht Deutsch. Doch wegen des starken Akzents konnte meine Verwandte sie fast nicht verstehen.
Das ist ein echtes Problem. Die Sprache spielt eine grosse Rolle. Da haben wir bei Senevita strikte Anforderungen.
In welcher Berufsgattung haben Sie das grösste Manko?
Auf der sekundären und tertiären Ausbildungsstufe in der Pflege. In der Sekundärstufe, also bei den diplomierten Fachangestellten Gesundheit, den sogenannten FaGe, haben wir sehr viele in Ausbildung. Doch an Frauen und Männern mit tertiärer Ausbildung mit dem Abschluss einer Fachhochschule oder höheren Fachschule mangelt es nach wie vor. Da stehen wir zudem mit den Akutspitälern in Konkurrenz.
Sie sagen: «Ausbilden, ausbilden, ausbilden.» Einfacher gesagt als getan, oder?
Wir haben über 120 Lehrlinge, über 70 davon in der Pflege. Gewisse Kantone verpflichten uns zur Ausbildung von Lernenden. Wir übertreffen die vorgegebene Quote. Wir bilden so viele Lernende aus wie nur möglich. Ich kann auch feststellen, dass die Nachfrage nach Pflegeberufen gestiegen ist. Zudem gibt es immer mehr Männer, die den sehr schönen und dankbaren Pflegeberuf entdecken. Sie erkennen, dass man in der Pflege eine Laufbahn einschlagen kann.
Was meinen Sie damit?
Ich denke da zum Beispiel an zwei Frauen, die bei uns in der Pflege angefangen haben und nun eine Institution leiten. Eine besitzt mittlerweile den Master in Pflege. Sie ist heute Geschäftsführerin mit 100 Angestellten. Wir als Senevita-Gruppe können eine Laufbahn anbieten. Das macht uns auf dem Arbeitsmarkt attraktiv. Ich sprach kürzlich mit einem jungen Mann, der die Lehre als FaGe absolvierte und mir ohne Umschweife sein Ziel formulierte, dereinst Führungsfunktionen zu übernehmen. Ich bin zuver-sichtlich für die Zukunft, aber es wird eng auf diesem Arbeitsmarkt.
2011 wurde in der Schweiz die Objekt- durch die Subjektfinanzierung abgelöst. Der Kanton zahlt also keine Beiträge mehr für Pflegebetten, sondern nur noch für effektiv geleistete Pflegetage. Wie wirken sich die unterschiedlich hohen Kantonsbeiträge auf Ihr Geschäft aus?
Was sich allenfalls auf unser Geschäft auswirkt, sind die kantonal unterschiedlichen Obergrenzen für Ergänzungsleistungen. Im Kanton Bern ist der maximale EL-Beitrag für ein Pflegezimmer auf 161 Franken beschränkt, im Kanton Zürich beispielsweise sind es 230 Franken. So müssen wir unser Angebot und unsere Preisstruktur diesen Obergrenzen anpassen. Es gibt aber auch Kantone und Gemeinden, welche die Gebäude von Pflegeheimen subventionierten. Das verzerrt den Wettbewerb.
Sie können nicht einfach Pflegebetten aufstellen, ohne den Kanton zu fragen. Wie verhält es sich hier mit den Auflagen?
Das kommt darauf an. Im Kanton Zürich beispielsweise kann man Pflegeheime bauen und erhält die Bewilligung zum Betrieb, wenn das Heim fertig erstellt ist. Selbstverständlich muss die Infrastruktur die regulatorischen Anforderungen erfüllen. So ist zum Beispiel die Mindestgrösse eines Pflegezimmers vorgeschrieben. Im Kanton Bern hingegen braucht man für den Bau von Pflegeheimen eine Bewilligung. Der Kanton macht eine Bettenplanung und stellt pro Region fest, wie viele Betten maximal bewilligt werden können.
Hannes Wittwer zeigt am Hauptsitz in Muri auf einen seiner 22 Betriebe, auf das Pflegezentrum Lindenbaum in Spreitenbach.
Hannes Wittwer zeigt am Hauptsitz in Muri auf einen seiner 22 Betriebe, auf das Pflegezentrum Lindenbaum in Spreitenbach.
Sind damit in Zürich die Pflegeeinrichtungen einem härteren Wettbewerb ausgesetzt als anderswo?
Das kann man so sagen. Wobei niemand ein Pflegeheim baut, wenn aufgrund der demografischen Entwicklung die Nachfrage nicht gegeben ist. Da die Kantone nicht mehr für die Betten, sondern nur noch für die geleisteten Pflegetage Beiträge leisten, haben sie keinen finanziellen Nachteil, wenn zu viele Betten erstellt werden.
Ist es nicht so, dass gewisse Kantone gar keine privaten Pflegeheime wollen?
Im Kanton Freiburg zum Beispiel ist die Alters- und Pflegeversorgung nach Regionen organisiert und wird von öffentlich-rechtlichen Institutionen betrieben. Der Kanton hat wenig Interesse, dass private Institutionen mitwirken. Wir besassen aber in Murten schon vor der neuen Gesetzgebung die Residenz Beaulieu. So mussten wir dort den Pflegebereich in eine gemeinnützige Stiftung umwandeln.
Also gibt es Kantone, welche für Private höhere Hürden setzen, um ihre eigenen Institutionen zu schützen?
Das ist ein Problem, das wir in der Akutmedizin auch kennen: Der Kanton ist Regulator, Eigentümer, Betreiber, Finanzierer. Er hat viele Hüte an, sodass er ein Interesse hat, seine eigenen Betriebe zu schützen. In der Westschweiz ist es für Private tendenziell schwieriger als in der Deutschschweiz.
Sprechen Sie jetzt vom betreuten Wohnen oder von der Pflege?
Beim betreuten Wohnen gibt es wenige kantonale Unterschiede, da der Kanton auch keine Unterstützungsbeiträge leistet und wir in der Regel keiner Bewilligungspflicht unterliegen. Doch bei Pflegebetten spielt die Politik der Kantone sehr wohl eine Rolle. Im Kanton Waadt beispielsweise wird die Anzahl Pflegebetten bewusst limitiert, damit die Leute möglichst lange noch zu Hause bleiben und die öffentlich-rechtliche Spitex beanspruchen. Das kommt den Kanton in gewissen Fällen günstiger.
Stichwort Spitex: Senevita hat die «Spitex für Stadt und Land», die schweizweit grösste Anbieterin privater Spitex-Leistungen, übernommen. Wo sehen Sie Synergien?
Damit können wir noch mehr auf die Bedürfnisse der älteren Menschen eingehen. Wir bieten die passende Unterstützung je nach Lebensphase: Zu Hause, in einer betreuten Wohnung oder in der stationären Pflege. Aber auch in der Aus- und Weiterbildung können wir kooperieren. In Notfällen können wir uns auch gegenseitig aushelfen.
Wenn ich in einem Novotel oder einem Ibis ein Zimmer buche, weiss ich, welchen Standard ich erwarten darf. Bei Senevita kann ich jedoch nicht eine bestimmte Qualitätsklasse ausmachen. Einverstanden?
Ja. Wir haben sehr unterschiedliche Betriebe mit unterschiedlichen Angeboten und Preisen.
Für was steht die Marke Senevita?
Wir bieten nicht einen einheitlichen und preislich identischen Qualitätsstandard an. Und das ist gerade eine unserer Stärken. Senevita steht für Individualität. Wenn wir mit einer Gemeinde ins Gespräch kommen, so gehen wir auf die besonderen Bedürfnisse dieser Gemeinde und ihrer Einwohnerinnen und Einwohner ein. Wir besprechen mit ihnen, wie das Angebot gestaltet werden soll und in welchem Preissegment wir uns bewegen sollen.

 

Beim Namen Senevita kann man also nicht ein bestimmtes Preissegment erwarten?
Nein. Wir haben Betriebe im obersten Preissegment, etwa die Residenz Nordlicht in Zürich-Oerlikon oder das Multengut in Muri bei Bern. Zudem kennen wir je nach Region auch Betriebe im mittleren oder tieferen Preissegment. Und wenn wir schon beim Vergleich mit der Hotellerie sind: Wenn Sie einen Kurzurlaub in Berlin planen, so wählen Sie ein bestimmtes Hotel aufgrund Ihrer Präferenzen. Wenn jedoch eine Person oder ein älteres Paar eine betreute Wohnung sucht, so wollen sie in ihrem Ort oder Quartier bleiben. Da ist die Lage in der Regel wichtiger als der Komfort.

Zwei neue Betriebe im Kanton Bern

Hannes Wittwer, seit viereinhalb Jahren CEO von Senevita, ist in den kommenden Tagen damit beschäftigt, den Betrieb mehrerer bestehender Alters- und Pflegeheime zu übernehmen. Am nächsten Donnerstag findet die Schlüsselübergabe im Alters- und Pflegeheim Aespliz in Ittigen statt. Mit der Pensionierung des Geschäftsführers Heinz Maurer hat sich der Stiftungsrat entschieden, die Betriebsführung der Senevita zu übergeben. Tags darauf wird der 58-jährige Wittwer im «Betagtenheim Zollikofen» erwartet. Das BHZ mit 50 Alterswohnungen und 64 Pflegebetten wird jedoch nur vorübergehend von Senevita betrieben – bis das im Bau befindliche Senevita Bernerrose fertigerstellt ist. Die Eröffnung ist für Ende 2017 geplant. Dann werden die Bewohner des BHZ ins «Bernerrose» zügeln. Es wird mit 57 Wohnungen und 169 Pflegebetten das bisher grösste Heim der Senevita-Gruppe sein. 

 

Erschienen in der BZ am 31. Dezember 2016

Zwei neue Betriebe im Kanton Zürich

Hannes Wittwer, seit viereinhalb Jahren CEO von Senevita, ist zu Beginn des neuen Jahres damit beschäftigt, den Betrieb bestehender Alters- und Pflegeheime zu übernehmen. Am  Dienstag werden die Schlüssel im «Alterswohnheim am See» in Küsnacht der Senevita übergeben. In einem Jahr werden dann die Bewohner das Provisorium in Küsnacht verlassen und zurück nach Erlenbach ins bis dahin neu gebaute Alterszentrum Gehren zügeln. Am Donnerstag und am Freitag übernimmt Senevita in der Agglomeration von Bern zwei bestehende Alters- und Pflegeheime. Und am 20. Februar wird der 58jährige Hannes Wittwer in Herrliberg erwartet, wo die Gemeinde die Führung ihres Alters- und Pflegeheims «Im Rebberg» der Senevita übertragen wird. Damit betreibt die Anbieterin für betreutes Wohnen und Langzeitpflege insgesamt 4 Alters- und Pflegeheime im Kanton Zürich und 26 in der ganzen Schweiz.

 

Erschienen im Landboten am 31. Dezember 2016


Claude Chatelain