BOB brüskieren Kleinaktionäre

Ein Zug der Berner Oberland-Bahnen. Hier am Bahnhof Interlaken Ost.
Ein Zug der Berner Oberland-Bahnen. Hier am Bahnhof Interlaken Ost.

Besitzer von nicht kotierten Inhaberaktien müssen sich registrieren lassen. Diese Meldepflicht ist mit Aufwand verbunden. Gewisse Unternehmen wollen daher keine physischen Urkunden mehr herausgeben.

Ausserbörslich gehandelte Aktien sind häufig Liebhaberpapiere. Dies gilt insbesondere für Bergbahnen, Regionalbanken und andere regional verankerte Unternehmen. Leser H. J. aus Spiez ist ein solcher Aktionär, der Lieberhaberpapiere besitzt. Mit den Berner-Oberland-Bahnen (BOB) ist er nun gar nicht zufrieden. Sie haben ihre Wertpapiere entmaterialisiert, wie es im Fachjargon heisst. Die Wertpapiere werden also nur noch als Bucheffekte geführt. «Der Druck und die Auslieferung von physischen Urkunden sind ausgeschlossen», schrieben die BOB verärgerten Lesern. Er müsse die Aktien in einem Wertschriftendepot der Bank verwahren. Dies wiederum will P. J. nicht. Er will nicht der Bank Depotgebühren bezahlen. «Die BOB sind an Kleinaktionären nicht interessiert», sagt er dieser Zeitung.

 

Loeb stellte den Handel ein

 

Auch die Warenhauskette Loeb forderte ihre Partizipanten in Inseraten dazu auf, ihre Papiere umzutauschen. Die Umtauschfrist ist Mitte April abgelaufen. Am Loeb-Kundendienst findet kein Handel mehr statt.

 

H. J. aus Spiez hat seine BOB-Aktien fristgerecht zurückgegeben. Doch wer noch Inhaberaktien der BOB oder Partizipationsscheine (PS) von Loeb zu Hause oder in einem Bankschliessfach aufbewahrt, dem droht Ungemach. Das gilt vor allem für Aktionäre, die über kein Wertschriftendepot verfügen. Sie müssen eigens ein solches eröffnen, um die Wertschriften einreichen und allenfalls verkaufen zu können. Bei der Berner Kantonalbank (BEKB) beträgt die minimale Depotgebühr 37.50 Franken pro Semester.

 

Teure Postfinance

 

Kaum besser dran sind Aktionäre, welche bei Postfinance oder Swissquote ein Wertschriftendepot besitzen. Ausgerechnet der Staatsbetrieb geht mit kundenfeindlichem Beispiel voran: Physische Titel können grundsätzlich eingereicht werden. Sie werden dann in elektronische umgewandelt. Diese Umwandlung kostet sage und schreibe 216 Franken pro Position, wie bei der Medienstelle zu erfahren ist. Und falls die physischen Titel nicht in elektronische umgewandelt werden können, werden sie dem Kunden retourniert. «Die Gesamtsumme kann sich auf mehrere Hundert Franken belaufen.»

 

Ebenso teuer bei Swissquote

 

Auch beim Discountbroker Swissquote muss man für das Einreichen physischer Aktien einige Hundert Franken hinlegen. Bei der BEKB, der Valiant-Bank, einer Regionalbank oder der Credit Suisse sollte man die Wertpapiere einreichen und im Depot einbuchen können – ohne Kostenfolge, wie es auf Anfrage heisst.

 

Helveticstar hilft weiter

 

Einen kostengünstigen Ausweg, Inhaberaktien loszuwerden, bietet die Helveticstar Effekten in Ittigen. «Wir kaufen physische Inhaberpapiere zum Geldkurs», sagt Inhaber Fritz Ruprecht. Das gelte auch für Inhaberaktien der BOB oder für PS von Loeb.

 

Der Grund, weshalb Aktiengesellschaften ihre Inhaberaktien in Namenaktien umwandeln oder entmaterialisieren, geht auf eine Gesetzesänderung zurück. Seit Mitte 2015 müssen sich Besitzer ausserbörslich gehandelter Inhaberaktien beim Unternehmen registrieren lassen. Wer dies unterlässt, verliert die Aktionärsrechte wie den Bezug der Dividende oder den Besuch der Aktionärsversammlung.

 

Diese Meldepflicht ist nicht nur für Aktionäre ein Ärgernis. Auch die Unternehmen werden dadurch mit administrativem Kram belastet. «Loeb verfügt nicht über die nötigen Ressourcen, um bei einem Bestand von 266 702 Partizipationsscheinen ein Aktienregister zu führen», heisst es bei der Berner Warenhausgruppe. Ählich lautet die Begründung der BOB. Die Niesenbahn hingegen, die etwas über 13'000 Inhaberaktien hat, schaffte sich diese Ressourcen und führt nun für Inhaberaktionäre ein Register. Knapp 87 Prozent aller Aktien seien bisher im Aktienregister erfasst worden, heisst es auf Anfrage. Eine Entmaterialisierung oder eine Umwandlung in Namenaktien sei derzeit kein Thema.

 

Erschienen in der BZ am 29. November 2016

Claude Chatelain